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Persönliche Erlebnisse, Gedanken und Eindrücke während eines Namibia-Besuches im Januar 2010 im Rahmen einer geführten Lidl-Reise. Veranstalter: Berge & Meer. Viel Vergnügen!

Namibia - im Januar 2010

Ein Land und Natur bis zum Horizont und weiter

Namibia – 18.01. - 01.02.2010

Geführte Lidl-Busrundreise mit Berge und Meer. 4.040 km durch ein herrliches Land mit freundlichen Menschen und mit zahlreichen Eindrücken der deutschen Vergangenheit – nicht zuletzt im Spar-Supermarkt.

Ein Reise-Tagebuch mit vielen Bildern, persönlichen Erlebnissen, Gedanken und dem Versuch, ein paar Informationen zu liefern.

 

18.01.2010 (Montag) – 1. Tag – Anreise

Der Schlaf in der Nacht war unruhig. Um 7:00 Uhr standen meine Frau und ich auf. Nach einem letzten Check, ob alles Wichtige dabei ist – wie Geld, Pässe und Tickets – frühstückten wir noch kurz. Der Rest der Milch reichte genau noch für den Kaffee – und damit war der Kühlschrank wie geplant komplett geleert. Um 9 Uhr fuhr uns der Nachbar zur S-Bahn. Am Hauptbahnhof erreichten wir rechtzeitig den im Internet im Vorfeld ausgewählten ICE nach Frankfurt, Abfahrt 09:55 Uhr. In Nürnberg folgte ein Zwischenstopp. Schwager Norbert holte uns am Hauptbahnhof ab. 10 Minuten später saßen wir in der Innenstadt im Karstadt-Untergeschoss im Steak-Point. Schwägerin Annemie erwartete uns schon mit 2 weiteren Bekannten am Tisch. Meine Rinderlende, 294 Gramm, an der Metzgerei-Theke zuvor ausgewählt, schmeckte hervorragend. Was auch immer uns in Namibia erwarten wird, jetzt war ich gewappnet, oder sollte ich sagen "gewamptnet". Bei dem bekannten Pärchen erlebte ich was Neues. Seit seinem Rentenbeginn vor rund einem halben Jahr ist Peter auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Zuerst entdeckte er "Geocaching" als neues Hobby und machte sich mit einem Garmin-GPS-Navigationsgerät und etlichen Informationen aus dem Internet auf die Suche nach den kleinen verborgenen "Schätzen".  Die spürt er längst nicht mehr nur in Deutschland auf, sondern auch im Ausland, wie bei einem Segeltörn im September 2009 in Griechenland. Dort hob er innerhalb einer Woche bei den Landausflügen anhand der daheim im Internet aufgespürten und ausgedruckten GPS-Daten 7 "Schätze", spürte also kleine Kästchen auf in etwa der Größe einer Zigarettenschachtel, aus Witterungsgründen sind es meistens kleine Plastikschüsseln. Nach teils abenteuerlichen Wegen und Aufstiegen an entlegene Punkte, oft schöne Aussichtspunkte, finden sich in den kleinen "Schatzkästchen" dann so "wertvolle" Fundstücke wie Figuren von Kinderüberraschungseiern. Der Wert des "Schatzes" soll extra nicht viel mehr als 5 Euro betragen, um das weltweit betriebene Geocaching nicht ausarten zu lassen. Der Inhalt kann nach dem Aufspüren gegen einen anderen gleichwertigen Gegenstand ausgetauscht werden. Auf einem beigefügten Zettel kann sich der Finder als Beweis für seinen Besuch mit seinem Geo-Caching-Namen eintragen und auch einen kleinen Kommentar hinterlassen, wie der den Fundort und den Schatz bewertet. Die Fan-Gemeinde in Deutschland wächst rasant. In nur wenigen Jahren sind inzwischen allein in Deutschland schon rund 1 Million Schätze versteckt. Ein amerikanischer Millionär macht kaum noch etwas anderes als in der Welt herum zu fliegen und die "Schätze" zu heben. Auch bei Peter war es schon fast eine Sucht. Doch jetzt ist Winter. Und da nun mal bei Schnee die "Schätze" nur schwer zu finden sind, entdeckte er eine neue Leidenschaft, die Börse. Man spürte richtig, dass ihn das Fieber gepackt hat. Aus meinem Börsen-Fieber-Feuer wurde beim Crash im Jahr 2000 ein Flächenbrand, der dafür sorgte, dass meine Ersparnisse in Rauch aufgingen. Deshalb gab ich Peter zumindest ein paar warnende Hinweise, die Sache nicht zu euphorisch und blauäugig anzugehen, so wie ich beim beherzten, massiven und wohl auch ein wenig "gierigen" Einstieg kurz vor dem Börsen-Absturz, der meine angelegte Altersvorsorge mit in den Abgrund riss und in den Hauch von einem Nahezu-Nichts verwandelte.

Vor der Rückkehr zum Bahnhof besorgte ich mir schnell noch eine 'Rei in der Tube', falls es in Namibia unterwegs mal etwas zum Auswaschen geben sollte. Punkt 15 Uhr starteten wir in Nürnberg wie geplant mit dem ICE zum Flughafen Frankfurt, den wir mit leichter Verspätung um 18:30 Uhr erreichten.

Auf der Anzeige-Tafel und in unseren Unterlagen war ersichtlich, dass wir zum Terminal 2 müssen. Wir folgten den Hinweis-Tafeln, was bedeutete, dass wir plötzlich aus dem Terminal 1-Gebäude herauskamen. Wir überquerten die Straße, entdeckten aber auf der anderen Seite, dass wir hier falsch sind, wir waren beim Ankunftsgebäude. Also in der Kälte im Freien wieder zurück über den Zebra-Streifen. Ein Bus stand ums Eck. Wir fragten den Fahrer nach Terminal 2, nachdem auf dem Bus groß Terminal 1und Terminal 2 zu lesen war. Er nickte, wie seien richtig und könnten einsteigen, da er zum Terminal 2 fahre. 10 Minuten später waren wir dort und checkten problemlos ein – mit zusammen 30,8 kg.  

Im Duty-Free-Shop besorgten wir uns noch etwas Flüssiges für den Magen, für alle Fälle, falls uns in Namibia mal entsprechende Probleme plagen sollten. Zuerst entschieden wir uns für eine Flasche Averna. Ein Mitarbeiter des Duty-Free-Shops beobachtete uns und fragte, ob er uns helfen kann. Auf die 1-Liter-Flasche Averna für 14,95 Euro deutend fragte er mich, ob ich nicht lieber etwas "richtig Gutes" ausprobieren wolle. Für einen Euro mehr bekäme ich die 1-Liter-Flasche "Killepitsch". Da seien 98 Kräuter drin und er könne diese Marke nur empfehlen. Dann erzählte er uns auch noch, wie es laut einer Anekdote zu dem Namen gekommen sei. Im 2 Weltkrieg hätten in Düsseldorf 2 Freunde im Luftschutzkeller bei einem Luftangriff gesagt: "Bevor die uns killen, pitschen wir noch einen!" So seien die Idee und der Namen für den später selbstgebrauten fein-herben Kräuterlikör entstanden. 

Wir ließen uns überzeugen. Die Averna-Flasche landete wieder im Regal und eine 1-Liter-"Killepitsch"-Flasche an der Kasse. Den Kauf haben wir nicht bereut, was die Qualität des Kräuterlikörs betrifft. Allerdings hatten wir nicht allzu viel davon. An einem schönen gemütlichen warmen Abend in der Gruppe in Namibia erwähnte ich, dass ich eine Flasche "Killepitsch" dabei hätte. Das war ein "Fehler". Spontan meldeten sich "Kenner", die meinten, dies sei auf jeden Fall ein guter Kauf gewesen. Und schon wollte jeder mal probieren. Allen voran ein Tierarzt aus Hannover, der urplötzlich bemerkte, dass er einen leicht verstimmten Magen habe und ich müsse ihm unbedingt mit der "Killepitsch"-Flasche medizinischen Beistand leisten. Mit anderen Worten, die Flasche überlebte diesen Abend nicht und meine Frau und ich kamen nur in einen sehr eingeschränkten Genuss dieser offensichtlich sehr gut wirkenden und unter Kennern bekannten "Medizin", denn der Tierarzt und die anderen Killepitsch-Mitgenießer waren anschließend richtig gut drauf.

Vor dem Abflug bekamen wir im Warteraum schon ein erstes Gefühl, was es heißt, eine Gruppenreise zu machen. Ein Zeitungsständer mit diversen Zeitschriften wurde aufgestellt. Ein älterer Herr, nach der Sprache zu schließen ein Schwabe, mokierte sich lauthals, dass sich einige Reisende einfach 2 oder mehr Zeitschriften genommen hätten und daher jetzt für ihn nichts mehr Interessantes dabei sei. Kurz darauf sah ich ihn mit 3 Zeitschriften in der Hand. 

Mit etwas Verspätung hob der Airbus A340-300 der Air Namibia statt planmäßig um 20:25 Uhr erst um 21:04 Uhr ab zum 8119 km langen Flug. Bei klarer Sicht war trotz der Nacht nach dem Abheben die weiße geschlossene Schneedecke rund um den Flughafen schön zu sehen. Die Vorfreude auf die Wärme und den Sommer in Namibia erhielt bei diesem Anblick noch einen zusätzlichen Schub. Das Essen und die Verpflegung an Board war ok, das Personal freundlich. Die Sitze dagegen hatten wohl schon bessere Zeiten hinter sich und wirkten leicht mitgenommen. Sie waren durchgesessen, die Federn waren deutlich zu spüren, die Ablagen waren ausgeleiert, Halter für Getränke am Tablett konnten nicht mehr eingeklappt werden, sondern hingen herunter.

Kleine Monitore – an den Zwischenwänden bei den Toiletten und ausgeklappt aus der Decke – zeigten den Flugverlauf und die Fluginformationen. Als anschließend ein Film gezeigt wurde, gab ich das Hören mit den Kopfhörern schnell wieder auf. Beim ersten Kopfhörer, den ich auspackte, klebte ein Kaugummi am Bügel. Da etliche Plätze im Flieger frei geblieben waren, er war schätzungsweise nicht einmal zu 50 Prozent besetzt, nahm ich mir einfach ein anderes Headset von einem freien Sitz. Doch der "Hörgenuss" erwies sich als sehr bescheiden. Auf manchen Kanälen sorgten zwei verschiedene Hörquellen für einen undefinierbaren Geräusch-Mix. Der Fernsehkanal klang ziemlich verrauscht.  

So war rundherum festzustellen, dass sich die meisten Mitreisenden nach dem Essen nach Möglichkeit einen Platz in den teilweise überhaupt nicht besetzten Mittelreihen mit 4 Sitzen suchten, um sich so richtig schön der Länge nach zum Schlafen hinlegen zu können. Die einzige Einschränkung: Die meisten Mittelarmlehnen hielten nicht in der zurück geklappten Stellung und sorgten so durch ihr ruckartiges Heruntersausen bei dem einen oder anderen plötzlich im Schlaf für ein unliebsames, aber meist nur kurzes Aufschrecken.

 

19.01.2010 (Dienstag) – 2. Tag – Tagesstrecke: Vom Flughafen bei Windhoek in die Kalahari bis kurz vor Mariental – Kalahari Anib Lodge – ca. 350 km

Nach 9 Stunden und 21 Minuten Flugzeit landeten wir um 7:25 Uhr auf dem Flughafen von Namibia in Windhoek, dem International Airport 'Hosea Kutako'. Klingt groß, ist aber im internationalen Vergleich eher ein kleiner Regionalflughafen. Während des letzten Flugabschnittes war im Morgengrauen aus der Luft von Namibia absolut nichts zu erkennen. So weit die Blicke reichten Wolken, Wolken, Wolken – eine geschlossene graue Wolkendecke überspannte das ganze Land bis zum Horizont. Und nach der Landung zeugten am Flughafen überall Wassertümpel von noch nicht lange zurück liegenden ausgiebigen Regenfällen. Der Boden war übersät von tausenden von Motten und Faltern, die unseren kurzen Fußweg vom Flugzeug zur Ankunftshalle teils verendet, teils noch flatternd pflasterten. Dort angekommen, stellte ich zuerst einmal meine Uhr um auf Ortszeit, sprich, eine Stunde vor, denn hier ist es eine Stunde später als zu Hause.  

Reiseleiter (im Folgenden mit RL abgekürzt) Klaus erwartete uns nach der Gepäck-Aufnahme und dem Passieren der Einreisekontrolle im Flughafengebäude und sammelte seine Berge-und-Meer-Gruppe um sich. Er riet jedem, an den geöffneten 2 Wechselschaltern etwa 200 bis 250 Euro in Namibia-Dollars umzutauschen. Der Kurs war ziemlich genau 10 Dollar für einen Euro. Für 500 Euro erhielten wir 5060 Dollar. Nach der wunderbaren Geldvermehrung, zumindest was die Nullen auf den ungewohnten Scheinen anbetraf, wurde ich am Umtauschschalter stutzig. Auf nahezu allen Scheinen stand Namibia Dollars, auf einigen wenigen aber Rand aus Südafrika. Eine Rückfrage brachte Klarheit. Hier in Namibia werden Rand und Namibia Dollars 1:1 als Währung genutzt. Umgekehrt ist jedoch in Südafrika der namibische Dollar weniger wert als der Rand, nur rund 70 Prozent, wie wir später von Klaus (RL) erfuhren. 

Unter seiner Führung erreichten wir nur wenige Meter vom Airport-Gebäude entfernt unseren Reisebus, bei dem uns der schwarze Fahrer mit einem breiten Lächeln empfing und sofort damit begann, unsere Koffer zu verstauen. Es war Albert vom Stamm der Herero, wie wir kurz darauf im Bus bei der offiziellen Begrüßung von Klaus erfuhren. Er klärte uns auch darüber auf, dass dies kein gewöhnlicher komfortabler Reisebus sei, wie wir ihn bei uns gewohnt seien, sondern ein auf der Basis eines LKW aufgebautes Gefährt, äußerlich kaum von einem normalen Bus zu unterscheiden. Während der Fahrt sollten wir noch erleben, warum diese kompakte und härter gefederte Konstruktion absolut sinnvoll war. Denn ein Großteil unserer Reiseroute führte über Schotterpisten. In einer "Hinsicht" – im wahrsten Sinne des Wortes – sollte sich unser Reise-Vehikel aber auch als nicht so optimal erweisen. Denn die Seitenscheiben waren dreigeteilt, wobei das mittlere Fenster in sich noch einmal in 2 Hälften unterteilt war und als Schiebefenster fungierte. Es konnte von vorne oder hinten fast zur Hälfte seitlich aufgeschoben werden oder jeweils von vorn und hinten ein knappes Viertel, so dass es von beiden Sitzreihen gleichzeitig zu öffnen war und durch beide Öffnungen eine Kamera durchpasste. Eigentlich war dies ja eine gute Lösung. Allerdings lag der untere Rand des Schiebefensters für die meisten beim Sitzen und Rausschauen genau auf Augen- und somit Sichthöhe. Bei einer über 4.000 Kilometer langen Fahrt durch ein Land, das insbesondere vom Bus aus erlebt und besichtigt wird, auf Dauer ziemlich störend, wie sich schon sehr bald herausstellte. 

Nachdem jeder einen Sitzplatz gefunden hatte, herrschte noch kurz Verwirrung. Statt 36 waren wir nur 30 Reisende. Nach kurzem Telefonat stellte sich heraus, dass die fehlenden 6 Personen nicht angereist waren. Von den Regenwolken war kaum noch etwas zu sehen. Die Sonne heizte uns ein erstes Mal ein. Bei fast 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit war es richtig dampfig.  

Albert startete seinen Bus Richtung Windhoek, denn der Flughafen liegt aufgrund der gebirgigen Landschaft in unmittelbarer Umgebung der Hauptstadt 46 km davon entfernt. Auf unserer Fahrt über die Hochebene erreichten wir teilweise eine Höhe von mehr als 1.900 Meter über dem Meeresspiegel. Nach einer halben Stunde rollten wir in Windhoek ein. Wir fuhren direkt auf einen großen Parkplatz gegenüber dem Kalahari Sands Hotel. In diesem Gebäudekomplex befindet sich im Untergeschoss ein größerer Supermarkt. Klaus erklärte uns, dass wir Proviant für den Tagesbedarf bis zum Abend einkaufen sollten, da es bis zum Erreichen der Lodge am Nachmittag unterwegs keine Gelegenheit mehr gäbe, Essen und Trinken einzukaufen.  

Schon auf dem Parkplatz wurden wir von jungen Schwarzen begrüßt – auf Deutsch. Einige verkauften die "Allgemeine Zeitung" (AZ), ein in Windhoek erscheinendes Journal. Die AZ ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas mit einer Auflage von ca. 5.000 Exemplaren. Erstmals erschien sie im Jahr 1916 unter dem Namen "Der Kriegsbote" und informierte über die Ereignisse im ersten Weltkrieg. 1919 wurde sie in den heutigen Namen umbenannt, nach der Niederlage Deutschlands, als seine Kolonie 'Deutsch-Südwestafrika' unter die Verwaltung Südafrikas kam. Heute lesen fast alle deutschsprachigen Haushalte Namibias, also etwas 25.000 Menschen die Allgemeine Zeitung. Die Hauptschlagzeilen heute bei unserer Ankunft drehten sich um heftige Regenfälle, die in den beiden letzten Tagen in ganz Namibia gefallen waren. Es ist Regenzeit – zu unserem Pech, wie sich später im Etosha Nationalpark zeigen sollte, wo die erhoffte Tier-Vielfalt sich nicht an den großen Wasserstellen zum Durst-Stillen zeigte, da die Tiere überall bequem an kleinen Wasser-Tümpeln das benötigte Trinkwasser fanden – und das frisch, ohne den Elefanten-Beigeschmack, den diese durch ihr Baden in den Wasserstellen den anderen hinterlassen. In Windhoek waren die Laken der Regenfälle überall zu sehen. Am Vortag hatte es eine halbe Stunde geregnet, aber wie. 60 Liter Wasser waren pro Quadratmeter aus offenen Himmelsschleusen runtergeprasselt. 

Im Supermarkt konnten wir erneut den früheren deutschen Einfluss feststellen. Die Backwaren hätten bei einem deutschen Bäcker ausliegen können. Es gab – namentlich genau so auf den Preisschildchen benannt – Blätterteig- und Streusel-Stückchen und Schwarzwälder Torte. Daneben im Wurst-Sortiment reichte die Auswahl laut deutschem Aufdruck über Jagdwurst, Bierwurst und Schinkenwurst bis zu Wurstsalat. Ich entschied mich für 100 gr. Jagdwurst für 9,95 Dollar, also rund einen Euro. Vorsichtshalber legte ich mir auch noch einen Adapter für Eurostecker zu für 12,89 Dollar, obwohl Klaus (RL) meinte, dass in den meisten Lodges und Hotels ein Euro-Anschluss vorhanden sei oder, falls nicht, auf jeden Fall ein entsprechender Adapter ausgeliehen werden könne. Der Reiseverlauf zeigte, dass er Recht hatte. Überhaupt erwies er sich mit seinen 69 Jahren als "alter Fuchs", der zahlreiche persönliche Geschichten und Anekdoten erzählen konnte. Er wuchs in Swakopmund auf, lebt aber schon seit vielen Jahren aus beruflichen Gründen in Windhoek. Seine Vorfahren stammten aus dem norddeutschen Raum wie zum Beispiel aus Hamburg. Und sprachlich, sowie mit seinem grauen Stoppelbart wirkte er auch wie ein gutmütiger und erfahrener Seemann. 

Nach einer Stunde starteten wir wieder und kamen am New State House vorbei, dem riesigen neuen Amtssitz des Präsidenten und der namibischen Regierung. 2002 hatte Sam Nujoma, der erste Präsident Namibias den Bau seines neuen Palastes veranlasst. Die Kosten werden inzwischen inoffiziell auf einen Betrag zwischen 400-600 Million Namibia-Dollar geschätzt. Für ein Land mit massiven finanziellen Problemen ein gewaltiger Betrag. Und gewaltig wirkt auch das 25 ha große Areal, eingefasst von einem 2 km langen Stahlzaun, der allein schon 12 Millionen Dollar gekostet haben soll, sowie mit dunkel verglasten Wachtürmen an allen Ecken der Einzäunung. 

Über den Vorort Olympia ging es raus aus der Stadt auf der geteerten B1 Richtung Süden. Einen ersten Fotostopp legten wir auf einer Anhöhe ein. Von hier aus schien die Straße kerzengerade ins Unendliche zu führen. Bis zum Horizont verengte sie sich immer weiter zu einem schwarzen Strich, 25 km immer gerade aus. Kurz hinter Rehoboth folgte am Schild "Tropic of Capricorn" der 2. Fotostopp, am südlichen Wendekreis, dem Wendekreis des Steinbocks.

Weiter ging es auf der B1 Richtung Mariental. Die Landschaft wurde sichtlich karger, wir hatten die Kalahari erreicht. Und was ebenfalls schon auf der ganzen Fahrt bis hierher auffiel. Zäune, überall rechts und links Zäune. In Windhoek oft aus Stacheldraht auf höheren Mauern um nahezu alle Häuschen zum Einbruch- und Diebstahl-Schutz, hier auf dem fast menschenleeren Land abwechselnd einstöckig als Einzäunen des Weidelandes und zweistöckig als Einzäunung für Jagdgelände.

Kurz vor Mariental bogen wir rechts ab zum Hardap-Damm, dem größten Staudamm Namibias. Mit seiner 860 m langen und fast 40 m hohen Staumauer wird seit seiner Fertigstellung 1963 der Fischfluss auf eine Länge von 30 Kilometer angestaut. Das Fassungsvermögen beträgt circa 300 Millionen Kubikmeter Wasser. Damit werden je nach Bedarf die umliegenden Farmen und Mariental mit Frischwasser versorgt und das umliegende Gebiet kann sehr gut für Landwirtschaft, Obst- und Gemüseanbau genutzt werden. Allerdings stand das nur wenige Kilometer entfernte Mariental in Regenzeiten auch schon desöfteren unter Wasser. Welche Wassermassen auf den Weg geschickt werden können, mussten wir auch bei unserer Ankunft feststellen. Aufgrund der starken Regenfälle am Vortag, am 18. Januar, mussten die Schleusen geöffnet und geflutet werden. So war die Straßenpiste, die wir passieren wollten, schlichtweg nicht mehr vorhanden und auch kaum noch vorstellbar. Die Fahrspur durch das Rivier, so wird das ansonsten ausgetrocknete Flussbett genannt, endete schräg zum Flussbett abfallend in kraftvoll vorbei fließenden Wassermassen. Am gegenüberliegenden Ufer sah man die bis dorthin überflutete Piste wieder aus der Strömung emporsteigen. Dazwischen schossen die Wassermassen durch ein circa 30 Meter breites Flussbett.

So mussten wir wieder umkehren. Zurück auf der Hauptstraße fuhren wir noch ein paar Kilometer Richtung Mariental und bogen dann links ab. Nach wenigen Kilometern erreichten wir gegen 16 Uhr die erste Bleibe, die Kalahari Anib Lodge. Eine schöne Anlage mit kleinen Appartementhäuschen um einen Pool, in dem Lilo schon Minuten nach unserer Ankunft planschte und sich mit Wassergymnastik die ersehnte Bewegung verschaffte.

Lange Zeit blieb dafür aber nicht, denn um 17:30 Uhr startete die gesamte Gruppe mit 3 Jeeps für je 10 Personen zu einer Pirschfahrt. Auf der Fahrt durch Sträucher, Wasserpfützen – die ihre Spuren auf einigen Hemden und Shirts hinterließen – und über teils 10 Meter hohe rote Sanddünen sahen wir viele Antilopen wie Impalas (auch Schwarzfersenantilope genannt, eine mittelgroße afrikanische Antilope – wegen der äußerlichen Ähnlichkeit früher eher den Gazellen zugeordnet. Sie ist aber nach neuen Erkenntnissen dichter mit den Kuhantilopen verwandt, die Männchen mit geschwungenen, bis zu 90 cm langen geriffelten Hörnern) und die größeren Oryx (leitet sich vom griechischen "orux" ab und bedeutet so viel wie Spieß, so benannt wegen den beiden geraden, spießartigen bis zu 90 cm langen Hörnern), einige Strauße und Gnus (afrikanische Antilopen, die in großen Herden leben und zur Gruppe der Kuhantilopen gehören, erwecken optisch auch eher rinderartigen Eindruck – mit kurzen halbrund gebogenen Hörnern).

Beeindruckend waren auch die teils riesigen Siedelwebernester in den Baumkronen. Ganze Kolonien der sperlingsähnlichen Siedelweber brüten hier in Zentralnamibia und in der Zentral-Kalahari lautstark in den Gemeinschaftsnestern aus Gras. Diese schauen aus wie ein überdimensional in die Baumkrone drapierter, oft über 4 Meter breiter unförmiger Heuballen, durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das sind die zum Teil über 100 nach unten geöffneten Eingänge der Einzelnester. Sie werden von den bis zu 14 Zentimeter großen Webervögel-Paaren jahrelang genutzt und mit der Zeit immer größer. Oft brechen die Äste unter der Last des Nestes ab und das ganze Nest oder Teile davon fallen zu Boden. Häufig sind die Nester in kleineren Variationen auch als heufarbene Gras-Häubchen auf der Spitze von Telefonmasten zu finden.

Kurz vor Sonnenuntergang hielten wir auf einer Sanddüne und erhielten die bei Pirschfahrten scheinbar obligatorische "Malaria-Prophylaxe", die sich als Gin-Tonic herausstellte. Chinin war, wie ich von Tierarzt J. erfuhr, früher langjährig das einzige wirkungsvolle Arzneimittel gegen die Infektion. Somit hatten wir direkt ein gutes Gefühl bei dieser "Gesundheitsvorsorge". Obwohl aus medizinischer Sicht wohl eher ohne vorbeugende Wirkung wurden trotzdem auch die übrigen servierten Getränke wie Bier, Wein, Cola oder andere alkoholische und nicht-alkoholische Erfrischungen von der Gruppe gerne konsumiert. Diese erste – am Ende fast feucht-fröhliche – Pirschfahrt gehörte zur gebuchten Reiseleistung. Zum Abschluss erfuhren wir von R., dem einzigen Österreicher in unserer Gruppe, warum der Größte der Gruppe, der gewichtige 1,96 große Rentner und frühere Tierarzt J. kein normaler Veterinär gewesen sei, sondern ein Human-Veterinär: "Human heißt, der behandelte jede Sau wie seine eigene Frau." Alle lachten, auch J. machte den herben Spaß mit.

Nach der Rückkehr um 20 Uhr genossen wir das Abend-Menü mit Melonensuppe, Springbock-Tartar im Blätterteigmantel und Schokokuchen als Nachspeise, wobei die Köche nach dem Servieren der Nachspeise noch eine kleine Gesangseinlage präsentierten. Preislich lag das Abend-Menü mit 185 Dollar etwa auf dem Niveau unserer Preise in Deutschland. Dagegen kostete das 0,5 Liter Windhoek Lager nur 20 Dollar. Es wird wie unser deutsches Bier nach dem Reinheitsgebot gebraut und schmeckte richtig gut. Einige genossen es entsprechend in vollen Zügen. Und so musste einer von unserer Gruppe gegen 23 Uhr von einem anderen Gast ins Bett gebracht werden. Ein ereignisreicher erster Tag ging zu Ende – und wir alle ins Bett, denn für den nächsten Morgen war Wecken um 6 Uhr angesagt. Zwar wurde uns zugesichert, dass uns das Personal wecken würde, aber auch Klaus meinte, dass wir uns vorsichtshalber einen Reisewecker oder das Handy zusätzlich stellen sollten, falls vorhanden, nach dem Motto: "Sicher ist nur, dass nichts sicher ist!"

 

20.01.2010 (Mittwoch) – 3. Tag – Tagesstrecke: Von der Kalahari bei Mariental zum Fish River Canyon – ca. 400 km

Punkt 6 Uhr klopfte es an der Tür – und Sekunden später legte das Handy mit dem Weckruf los. Unter einem heruntergelassenen Moskitonetz hatten wir tief und fest geschlafen – ohne Moskitos im Zimmer. Das Zähneputzen wagten wir unter fließendem Wasser aus dem Hahn, nachdem das Wasser überall in Namibia von sehr guter und unbedenklicher Trinkwasser-Qualität sein soll. Während den 14 Tagen berichtete auch tatsächlich niemand unserer 30-köpfigen Gruppe von einem durch Essen oder Trinken hervorgerufenen Magen-Problem. Das Frühstück um 6:30 Uhr war reichhaltig, von Müsli über Gurken, Tomaten, Joghurt, Croissants, Jagd- und Schinkenwurst, Salami bis hin zu gebratenem Schinken und Rührei, um nur mal eine kleine Auswahl herauszugreifen. Dazu diverse Obstsäfte und Kaffee. So reichhaltig und gut sollte das Frühstück nicht immer sein auf unserer Reise.

Um 7:30 Uhr war Abfahrt. An diesen Rhythmus mit 6 Uhr Wecken, halb 7 Frühstück und halb 8 Abfahrt mussten wir uns auf der Reise zum Großteil gewöhnen. Nach wenigen Kilometern erreichten wir Mariental und fuhren direkt zum Spar-Supermarkt. Es war wenige Minuten vor acht – und wir standen vor verschlossenen Türen. Punkt 8 Uhr öffneten sie sich und unsere 30-köpfige Gruppe stürmte den Laden. Auch hier faszinierten uns die zahlreichen deutschen Aufdrucke auf den Produkten wie zum Beispiel "Schweinsöhrchen" auf einem Blätterteigstück. Ob die Schwarzen hier die wörtliche Bedeutung kennen? Nachdem sich jeder mit dem Tagesbedarf eingedeckt hatte, verließen wir den kleinen Ort wieder. Am Ortsrand waren wir froh, im Bus zu reisen. 3 ineinander verkeilte Eisenbahnwagons flößten nicht gerade Vertrauen in dieses Fortbewegungsmittel ein. Überhaupt sollten wir auf unserer über 4.000 km langen Strecke, die oft an Eisenbahnlinien entlang führte, keinen einzigen fahrenden Zug sehen. Noch führte die Straße geteert durch die Kalahari, wir waren immer noch auf der B1.

Nach etwa einer Stunde legte unser Fahrer Albert nach Zuruf von Klaus (RL) plötzlich auf freier Strecke einen abrupten Stopp ein. Ein stattlicher Leguan links zwischen Straße und Zaun sorgte für diesen spontanen Halt. Als er die mit Kameras bewaffnete Meute auf sich zustürmen sah, verkroch er sich in ein Gebüsch am Straßenrand. Aber Klaus fasste ihn furchtlos am Schwanz und zog ihn mit einem kräftigen Ruck nach hinten aus seiner vermeintlichen Deckung. Jetzt aus unmittelbarer Nähe zeigte sich erst richtig die Länge dieses Prachtexemplars von weit über einem Meter. Wütend und ängstlich fauchend versuchte er sein Heil mit einem Angriff nach vorne auf das am nächsten stehende Bein. Das war meins und ich konnte gerade noch mit einem Sprung nach hinten ausweichen. Wir waren gewarnt und hielten jetzt doch lieber etwas Sicherheitsabstand. Vergeblich versuchte er eine Lücke im Zaun zu finden, um uns so zu entkommen. Ein paar Meter weiter hob Klaus die Umzäunung etwas an und wir scheuchten ihn zu dieser Stelle. Er entdeckte sofort den rettenden Fluchtweg, kroch unter dem Zaun hindurch und entfernte sich so schnell er konnte. Im abgezäunten Schutzgebiet droht ihm sicherlich weniger Gefahr als hier an der Straße. Diese ist zwar nicht stark befahren, aber insbesondere die Lastwagen ziehen hier mit vollem Tempo vorbei.

Ein etwas skurriler Stopp gut 20 Kilometer vor Keetmanshoop sorgte eine gute Stunde später für schöne Fotomotive beim 'Garas Quivertree Park & Camp', einem schon von der Zufahrt her mit diversen Skulpturen verzierten Rastplatz knapp 500 Meter neben der B1, idyllisch integriert mitten in einer kleinen Dolerit-Felsbrocken-Ansammlung. Hier wuchsen auch zahlreiche Köcherbäume (Kokerboom in Afrikaans), die bis zu 300 Jahre alt werden können. Ihren Namen erhielten diese Bäume, die hier in dieser trockenen Umgebung in ihrem Inneren Wasser speichern können, weil ihr sehr leichtes und innen schwammiges Holz problemlos herausgelöst werden kann und so die ausgehöhlten Äste früher den Buschmännern als Köcher für ihre Pfeile dienten. Man braucht kein jahrelanges Training im Fitness-Studio, um hier einen Baumstamm hochheben zu können. Allerdings zerbröselt das Holz bereits unter leichtem Druck der Hände und Finger. Die rundherum aufgestellten Skulpturen zeigten zum Beispiel eine Puppe auf einer Motorrad-Imitation, die mit etwas Fantasie als Harley-Biker betrachtet werden konnte. Auch andere Kunstwerke und liebevoll angeordnete Plastiken der deutsch sprechenden Besitzerin machten diesen Platz mitten zwischen den Köcherbäumen und Doleritfelsen zu einem interessanten Halt – nicht zuletzt auch wegen seiner sehr gepflegten Toilettenanlagen zu empfehlen.

Nach 20 Minuten Fahrt folgte der nächste Halt – in Keetmanshoop (Afrikaans für Keetmans Hoffnung). Die Stadt mit ihren gut 15.000 Einwohnern wurde 1866 als Missionsstation gegründet und ist nach dem deutschen Kaufmann und Bankier Johann Keetman benannt, der die Mission finanziell unterstützte, allerdings nicht hier lebte. Keetmanshoop liegt knapp 500 km südlich von Windhoek. Die Stadt ist heute der Verkehrsknotenpunkt und das Versorgungszentrum für den gesamten Süden Namibias – mit ihrem Airport, der Bahn und den Nationalstraßen B1 und B4, die hier zusammentreffen. Wir hielten vor dem Kaiserlichen Postamt aus dem Jahre 1910, das heute die Touristeninformation beherbergt. Nach einem kleinen Spaziergang erreichten wir eine Steinkirche, die 1895 erbaute Rheinische Missionskirche Keetmanshoop, heute ein Museum und neben dem Postamt ein Nationales Denkmal.

Bei gut 35 Grad war es anschließend im Bus nach dem Einschalten der Klimaanlage direkt wieder angenehm temperiert. Allerdings sollten sich schon bald die Nachteile der Klimaanlage zeigen. Während es im vorderen Bus-Drittel eher wärmer war, wurde es nach hinten immer kälter und in der Mitte blies die kalte Luft richtig unangenehm, so dass es während der gesamten Fahrt eigentlich nie jemand Recht zu machen war. Folge: Nach einer Woche hörte man bereits etliche Reisende husten und niesen, am Ende der Reise kamen auch noch Bindehaut-Entzündungen dazu.

Nach kurzer Fahrt bogen wir links ab Richtung Fish-River-Canyon. Erstmals zeigte der "LKW-Bus" seine Vorzüge. Problemlos fuhr Albert das Gefährt mit flottem Tempo über den festen, aber ruckelnden Untergrund, zum Teil über Schlaglöcher, die einen mehr oder weniger freundlichen Gruß an die Bandscheiben hinterließen. Hinter uns war im Rückspiegel eine gewaltige Staubwolke zu erkennen. Tafelberge und kleinere Bergkegel säumten unseren Weg bis zum Naute Staudamm. Er befindet sich rund 50 km südwestlich von Keetmanshoop. Mit seiner Länge von 450 m und einer Höhe von 37 m staut er den Löwenfluss, einen Zufluss des Fish-River. Dank des Wasserreservoirs gedeiht im Tal unter anderem auch ein großes, saftiges Weinanbaugebiet.

Langsam fuhren wir auf der schmalen Fahrspur über den Staudamm. Links im Stausee tummelten sich etliche Kormorane.

Und wieder waren wir auf der trockenen, staubigen Schotterpiste. An einem ausgedienten alten Brennofen für Ziegelsteine hielten wir kurz vor einem ausgetrockneten Flussbett. Toilettenpause hinter den Büschen rundum. Für die nahe vorbeilaufende Eisenbahnlinie führte eine in schmiedeeisernen Bögen geschwungene Brücke über das Flusstal. Wenige Meter entfernt stand ein Gedenkstein für 2 gefallene deutsche Soldaten der früheren Schutztruppe.

Nachdem wir eine Tafelberg-Kette passiert hatten, bogen wir rechts ab Richtung Fish-River-Canyon. Ab hier war das Wildgehege nicht mehr eingezäunt. Schon bald entdeckten wir auf einer Anhöhe Wild-Zebras. Beim nächsten Stopp fanden wir beim "Roadhouse" vor dem Lokal einige ausgemusterte und zum Teil schon von der Natur eroberte und umrankte Oldtimer, während innen drin noch gut erhaltene Exemplare zu finden waren, zwei davon auch noch mit aktueller Fahrlizenz. Selbst eine Getränke-Bar war in einen Oldtimer integriert.

Kurz darauf erreichten wir das Plateau, über das wir den Fish-River-Canyon erreichen sollten. Vom Canyon war lange noch nichts zu sehen. Zuerst einmal mussten wir eine Zahlstelle passieren, um von dort aus noch einmal fast 10 Kilometer bis zum ersten Aussichtspunkt zu fahren. Unterwegs war das halbverwitterte Hinweisschild zu sehen, das andeutete, dass links ein Flughafen existiert, vermutlich für Rundflüge über den Canyon. Es war jedoch kein einziges Flugzeug und kein Helikopter am Himmel auszumachen. Ganz im Gegensatz zu dem riesigen Touristen-Aufkommen beim Grand Canyon waren wir hier nahezu allein. Nur ein kleiner Jeep kreuzte unseren Weg bei der Fahrt zu den 3 Aussichtspunkten.

Der Fischfluss-Canyon bzw. Fish-River-Canyon liegt im Ais Richtersveld Transfrontier Park in Süd-Namibia. Mit etwa 160 km Länge, bis zu 27 km Breite und bis zu 550 Meter Tiefe ist das vom Fischfluss ausgewaschene Flussbett der größte Canyon Afrikas und der zweitgrößte Canyon der Erde nach dem Grand Canyon. Hinter ihm braucht sich der Fish-River-Canyon, was die gigantische Aussicht und die ausgestrahlte Faszination betrifft, absolut nicht zu verstecken. Im Gegenteil, die Urwüchsigkeit der Landschaft und das bis auf uns in dem Moment nahezu menschen- und damit auch touristenleere Plateau vermittelten noch einen Eindruck von 'Natur pur' ohne die sonst übliche Kommerzialisierung.

Auf dem Weg zurück begegneten uns auf der Schotterpiste einige Motorradfahrer. Mit Tüchern hatten sie ihre Gesichter bis auf die Augen verhüllte, als sie in die von uns aufgewirbelte Staubwolke eintauchten. Bei den holprigen Strecken hätte mich als Motorradfahrer hier nicht viel reizen können, den Bus mit einem Bike zu tauschen.

Langsam näherten wir uns nun wieder dem Rand der Tafelberge, an denen wir tagsüber schon entlang gefahren waren. Genau an ihrem Ausläufer befand sich unsere nächste Bleibe, die Cañon Village Lodge. Schon von Weitem beeindruckte sie durch ihre herrliche Lage, harmonisch mitten in Felsen integriert und rund um Felsblöcke eingebaut, fast könnte man sagen architektonisch kunstvoll arrangiert. Neben der Rezeption und dem Restaurant reihten sich die Doppelappartement-Häuschen in einem weitläufigen Rund um den hufeisenförmig auslaufenden Felsenrand. Sie wirkten wie die Kulisse eines Wild-Westfilms mit ihren Holzbalken-Geländern an den Verandas. Es fehlten nur noch die daran angebundenen Pferde.

Um 15:30 Uhr kamen wir an und bezogen im weiten Rund unser Appartement Nummer 12. Für 17 Uhr wurde uns beim Empfang eine Wanderung durch die Felsformationen angeboten. Alle waren natürlich wieder dabei. Ein Esel durchfurchte mit angehängtem Wagen und einem darin auf dem 'Bock' sitzenden Antreiber sichtlich mit viel Spaß das weite Rund um die Appartements. Später sollte sich zeigen, dass er uns die Malaria-Prophylaxe zu einem kleinen Felsenvorsprung brachte, auf dem wir den herrlichen Sonnenuntergang erlebten. Nur eine etwas ältere Frau von einer anderen kleineren deutschen Reisegruppe, die ebenfalls in der Anlage Station machte, weigerte sich, mit auf den Felsen zu steigen. Sie fuhr ihren Mann an, dass er ihr das doch nicht zumuten könne. Mit den mürrisch heraus gestoßenen Worten: "Dann halt nicht" ließ er seine Frau daraufhin einfach stehen, wandte sich ab und erklomm – ohne sich noch einmal nach ihr umzuschauen – mit allen anderen unter Anleitung des heimischen Führers den leichten und nahezu ungefährlichen kleinen Anstieg auf den Felsvorsprung. "Die hättest du besser ganz daheim gelassen" war daraufhin ganz verhohlen von irgend jemand zu hören, worauf die Frau sich umdreht und Richtung Logde zurück brauste. Alle anderen genossen dagegen – neben der mal wieder aus Gin-Tonic und sonstigen alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken bestehenden Malaria-Prophylaxe – das feuerrote Licht der langsam untergehenden Abendsonne, welches die Felsen in ein tiefes fast kupferfarbenes Rot tauchte und eine herrliche romantische Stimmung verbreitete.

Um 20:15 Uhr kamen wir wieder zurück zum Abendessen. Auch hier zeigte sich wieder wie schon bei den Lodges zuvor beobachtet: Es wurde nur ein Menü angeboten, kein Essen à la carte. Für 165 Dollar gab es als Vorspeise eine Spinatsuppe. Am Buffet konnte man dann auswählen zwischen verschiedenem Gemüse und Salaten, außerdem gab es Hähnchenschenkel und in kleine Stücke aufgeschnittenes Springbock-Steak, und als Nachspeise wurde ein Eierpfannkuchen mit Banane serviert. Das Essen war gut, aber erste Stimmen murrten schon darüber, dass es immer nur den Menü-Zwang gab ohne eine normale Wahlmöglichkeit über eine Speisekarte.

Um 23 Uhr fielen wir müde ins Bett. Allerdings dauerte es trotzdem bis zum Einschlafen noch eine Weile, denn wahrscheinlich schon vor dem Herunterlassen des Moskito-Netzes hatte sich ein Moskito ins Innere geschlichen. Er startete nun im Dunkeln einen Angriff nach dem anderen, bis er seine "Anzapf-Quelle" gefunden hatte. Kurz darauf spürte ich auch wo, an meinem Fuß – 2x. Aber wenigstens konnten wir jetzt ruhig schlafen, während ich die Akkus von Filmkamera und Fotoapparat an gleich 2 Eurosteckern aufladen konnte, nachdem Lilo schon zuvor ihr Handy angehängt hatte.

 

21.01.2010 (Donnerstag) – 4. Tag – Tagesstrecke: Vom Fish River Canyon – nach Lüderitz – ca. 450 km

Wie gewohnt klingelte um 6 Uhr das Handy, während fast gleichzeitig vor der Tür der Weckruf "Good Morning" ertönte. Die Fahrt führte uns wieder an den Tafelbergen entlang zurück. Statt nach rechts zurück zum Naute Staudamm zu fahren, probierten wir es trotz Straßensperrung gerade aus. Es wäre der direktere und nähere Weg mit einer Piste durch das Fish-River-Flussbett gewesen. Aber aufgrund der bereits angesprochenen Regenfälle vor unserer Ankunft war das Rivier noch unpassierbar. So mussten wir doch umkehren und wieder den Weg über den Naute Staudamm nehmen bis zur Hauptstraße. Nun fuhren wir zwar wieder Richtung Fish-River, aber dieses Mal führte eine große Brücke über sein breites und zum Teil noch mit kleinen Tümpeln bedecktes Flussbett. Um uns ein wenig die Füße zu vertreten und die schöne Natur zu genießen, wanderten wir über die Brücke. Auf der rechten Seite zeigte sich am Horizont die Silhouette des Schlangenkopf-Bergkuppenkegels.

Unsere Fahrt führte nun auf der B4 wieder bergan zu unserem Ziel für mittags, einem Restaurant in dem kleinen Ort 'Aus ', 125 Kilometer vom Tagesziel, der Küstenstadt Lüderitz entfernt. Was das Straßennetz anbetrifft, klärte uns Klaus (RL) über die Buchstaben-Bezeichnungen auf:

Wir passierten ein einigermaßen fruchtbares Tal mit Rinderherden vor Tafelbergen, kurz bevor sich rechts die Tiras-Bergreihe zeigte. Ein großes Weidegebiet präsentierte sich anschließend nur noch verkohlt – hektarweiße abgebrannt durch Blitzschlag.

Nach einer langgezogenen Rechtskurve folgte der Anstieg zum Dorf 'Aus', auf 1.485 m über dem Meeresspiegel am Rande des Huib-Plateaus in der Namibwüste gelegen. Die ganze Gegend auf dem Weg hierher wurde im Anschluss an das Tal mit den Rinderherden spürbar karger und sandiger. Nur noch strohgelbe kleinere Grasbüschel trotzten der Trockenheit. Soldaten der deutschen Schutztruppe hatten hier während der reichsdeutschen Kolonialzeit einen Stützpunkt unterhalten. Nach der Kapitulation der deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg hatte die südafrikanische Armee das Sagen und steckte hier 1.550 deutsche Kriegsgefangene vorübergehend bis 1919 in ein Konzentrationslager. Das Gelände ist heute ein Nationales Denkmal, von den Gebäuden ist nichts mehr zu sehen. Bilder aus dieser Zeit fanden wir bei unserer Mittagspause im Restaurant in Aus, auch Fotos, auf denen der Ort im Winter unter einer geschlossenen Schneedecke zu sehen ist.

Nach der Mittagspause von 12 Uhr bis 12:45 Uhr bogen wir nach kurzer etwa 10-minütiger Bergabfahrt von der B4 auf einen kleinen Pistenweg rechts ab. Von einem überdachten Beobachtungsstand aus konnten wir die Wasserstelle 'Garub' einsehen, an der sich neben Antilopen und Straußen vor allem die hier in dieser Gegend weit verstreut lebenden etwa 400 Wildpferde versammeln. Früher wurde vermutet, dass es sich um die Nachkommen der Reittiere der deutschen Schutztruppe handelt oder um Nachkommen aus der einstigen Pferdezucht des Barons Hansheinrich von Wolf von der Farm Duwisib südlich von Maltahöhe. Heute scheint jedoch klar, dass die Pferde aus der südafrikanischen Kavallerie entstammen. Sie lagerte 1915 hier beim Kampf gegen die Deutsche Schutztruppe mit 1.700 Tieren. Während eines deutschen Fliegerangriffs gerieten die Pferde in Panik und flüchteten in die Wüste, wo sie nicht wieder eingefangen werden konnten. Die Nachkommen haben sich der kargen Umwelt optimal angepasst und können dank der Wasserstelle überleben. Allerdings ist es ein täglicher Überlebenskampf, den nur die robusten Tiere überleben. Auf dem Bild oben ist der Kampf ums Wasser zu sehen. Am Ende einigten sich die beiden Kontrahenten und alle konnten in Ruhe ihren Durst an der Tränke stillen.

Bei der Weiterfahrt nach Lüderitz war die Bahnstrecke links der B4, die "Lüderitzbahn" von Lüderitz nach Keetmanshoop immer wieder umlagert von kleinen Straußenherden.

Nach einer halben Stunde Fahrzeit bestand die Bahnlinie plötzlich nur noch aus den seitlich auf der Böschung schön akkurat nebeneinander aufgereihten Schwellen, kurz darauf fehlten auch diese und es war nur noch der Damm ohne alles zu erkennen, bevor auch dieser kurz vor Lüderitz in der nun von kleinen Sanddünen durchzogenen Wüstenlandschaft nicht mehr auszumachen war. Kaum vorstellbar, dass hier die Bahnstrecke noch in diesem Jahr 2010, wie geplant, wieder aktiviert werden soll. Noch dazu, wo der Wüstensand und die Dünen zwischen Aus und Lüderitz ständig für Probleme sorgen, indem sie die B4 zuwehen – wie dies beim früheren Betrieb der Bahnlinie auch permanent für die Gleise galt.

 

Mitten im Wüstensand, etwa 10 km östlich von Lüderitz, erreichten wir um 14 Uhr Kolmanskuppe bzw. Kolmanskop auf Afrikaans, eine vom Wüstensand durchwehte und umlagerte Geisterstadt. 1908 fanden hier die deutschen Eisenbahnarbeiter August Stauch und Zacharias Lewala die ersten Diamanten. Sie lagen massenweise am Boden. Ein riesiger Boom entstand und damit eine deutsche Siedlung am Rande des Diamantensperrgebiets, in der für die damaligen Verhältnisse "Luxus pur" herrschte. Alles, was damals für Geld zu bekommen war, gab es hier, dank des Diamantenreichtums.

Inmitten von Hitze und Sand entstanden herrschaftliche Steinhäuser nach deutschem Vorbild, ein "Ballsaal" genanntes Gebäude mit Theater, Turnhalle, Kegelbahn und Schule, eine Eisfabrik, sogar ein Elektrizitätswerk und ein Krankenhaus mit der ersten Röntgenstation der ganzen Südhalbkugel. Aber rund um die damals "reichste Stadt Afrikas" waren die Diamantenfelder bald abgebaut, 1930 wurde der Diamantenabbau eingestellt. Innerhalb weniger Jahre waren fast alle Einwohner weg, sie ließen nahezu alles zurück.

Heute ist ein Museumsbetrieb eingerichtet. Eine Führung zeigte uns die für damals genialen Lösungen, zum Beispiel bei der Kühleis-Herstellung und der direkt angegliederten Frischhaltung von Fleisch. Einen Eindruck von der damaligen Einrichtung erhält man in einem Haus mit originalgetreu restaurierten und möblierten Räumen ebenfalls.

Um 15:45 Uhr starteten wir auf die letzten Kilometer nach Lüderitz, die 1882 gegründete und nach dem Bremer Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz benannte Stadt an der Lüderitzbucht. Zuerst fuhren wir zum vor der Stadt gelegenen Dias Point, benannt nach dem portugiesischen Seefahrer Bartholomeu Diaz, der hier 1487 als erster Europäer an Land kam und eine Kreuzsäule, ein so genanntes Padrão mit Wappen und Inschrift aufgestellt hatte, inzwischen ersetzt durch ein nachgebildetes Kreuz. Von der Diaz-Spitze bzw. dem Dias-Point hatten wir einen tollen Ausblick auf die Wucht des Atlantiks, der hier mit regelmäßig aufspritzender Gischt auf die Felsen prallt. Und auf einem dieser Felsen tummelte sich eine ganze Robben-Kolonie mit hunderten von Robben mitten in der Brandung. Noch mit den T-Shirts auf dem Aussichtspunkt beim Kreuz unterwegs, fröstelte es uns hier jetzt plötzlich, bei nur noch 15 Grad und einer steifen Brise vom Atlantik. Manche gepflegten Frisuren sahen anschließend leicht "vom Winde verweht" aus.

Es folgte noch ein kurzer Stopp bei einem Salzsee in der Nähe und dann ging’s zurück zur Hauptstraße und nach Lüderitz ins Lüderitz Nest Hotel, das wir um 17:20 Uhr erreichten.

Beim Betreten des Zimmers – Nummer 6 – hatten wir ein tolles Aha-Erlebnis. Uns erwartete im wahrsten Sinne des Wortes ein "Zimmer mit Aussicht". Schon beim Öffnen der Zimmertür hatten wir einen direkten Blick durch den Raum und durch die breite Glasfront auf das Wasser der Lagune. Und schon standen wir auf dem kleinen Balkon und waren begeistert von dieser Aussicht: Vor uns die Lagune, deren kleine Wellen direkt unterhalb des Balkons gegen die Felsen plätscherten und rechts der Atlantik. In den Hotelunterlagen entdeckten wir, dass es auch eine Sauna gibt. Kurz darauf saßen wir in der kleinen Kabine für 2-3 Personen und genossen nach der kalten Brise zuvor die angenehme Hitze.

Derart schön entspannt machten wir uns anschließend auf den Weg ins Restaurant. Wir entschieden uns für eine Flasche 'Man Shiraz' für 103 Dollar. Zum Essen wählte Lilo aus der Karte für 99 Dollar eine gefüllte Hühnerbrust mit Risottoreis, ich entschied mich für ein 500 gr. Rumpsteak, für 16,95 Euro. Eine hervorragende Wahl, Lilo schmeckte es prima und ich genoss jedes Stück dieses Riesensteaks, unter den ungläubigen Blicken von Klaus (RL) und einiger Mitreisender am Tisch, die kaum glauben konnten, dass ein Einzelner dieses Drum Fleisch verdrücken kann. Rundherum wurde gemunkelt, wir hätten vielleicht Hochzeitstag oder Geburtstag, weil wir es uns so gut gehen ließen. Aber wir ließen es uns einfach nur mal richtig gut gehen, ohne dass dahinter ein besonderer Anlass gestanden hätte.

Nach einem kleinen Abschluss-Bierchen mit dem Hamburger F. an der Bar zogen wir uns auf’s Zimmer zurück und genossen den Abend noch mehr, als wir im Fernsehen bei den deutschen Sendern ZDF und RTL erfuhren, dass es zuhause vor allem im Norden bei zweistelligen Minusgraden schneit ohne Ende.

 

22.01.2010 (Freitag) – 5. Tag – Tagesstrecke: Von Lüderitz zur Namib Dessert Lodge bei Sesriem – ca. 450 km

Der erste Blick beim Aufwachen um 6:15 Uhr fiel vom Bett aus durch das Fenster auf das leicht gekräuselte Wasser der Lagune. Wir verinnerlichten diese tolle Stimmung noch 5 Minuten vor dem Aufstehen. Um 7:30 Uhr starteten wir zu einer kleinen Stadtrundfahrt. Der erste Halt war oben am höchsten Punkt bei der Kirche. Von hier aus hatte man einen schönen Rundblick und sah auch die idyllische Lage unseres Lüderitz Nest Hotels direkt an der Lagune.

Der nächste Stopp erfolgte kurz darauf beim kleinen Hafen. Als wir von hier aus wieder starteten, erlebte ich die einzige negative Meinungsbekundung uns gegenüber. Beim Vorbeifahren zeigte uns einer von 3 Jugendlichen demonstrativ und fast aggressiv gestikulierend den Mittelfinger. Dieser einzigen negativen Geste standen dagegen unzählige winkende Hände, freundlich uns entgegen lachende Gesichter und zahllose fröhliche Hallo-Rufe gegenüber.

Beim nächsten Halt in der Nähe vom "Kapps-Konzert u. Ball-Saal" aus dem Jahr 1907 hatten wir wieder Gelegenheit, uns in einem Supermarkt mit dem Tagesbedarf einzudecken. Und wieder war es ein "Spar-Markt", in dem – wie zuvor auch schon in anderen entsprechenden Märkten erlebt – Artikel mit fast ausschließlich deutscher Beschriftung ganze Regale füllten, wie das Regal auf dem Bild links. Die Dosen – in der verkleinerten Darstellung nicht gut erkennbar – beginnen oben von links nach rechts mit den Aufdrucken: Fasskraut – Bohnen-Topf – Grünkohl – Bohnen-Eintopf und Gemüse-Ravioli mit Fleisch, darunter prangen bei den verschiedenen Konfitüren die Aufdrucke Pflaumen, Erdbeer-Rhabarber, Sauerkirsch-Maracuja, Himbeer, Erdbeer und Kirschen, darunter folgen u.a. Sauerkraut, Senfgurken, Soßenfix, Kartoffel-Puffer, Knödel bayrisch, Knödel halb & halb, Schwäbische Spätzle und den Abschluss machen unten verschiedene Gurken- und Gurkentopf-Varianten. Aufgrund der zahlreichen "Spar"-Einkaufstüten beim Einsteigen machte plötzlich der Spruch die Runde, dass wir uns hier definitiv und nun deutlich sichtbar und geoutet auf einer "Spar-Reise" befinden.

Vor den Toren von Lüderitz stoppten wir kurz darauf noch einmal bei einem kleinen Friedhof. Gräber von ehemaligen deutschstämmigen Bewohnern mit deutscher Inschrift waren kaum zu finden. Das wunderte mich doch ein wenig. Aber dafür zogen einige karge Gräber die Aufmerksamkeit auf sich, und sei es nur, weil sie sich von den anderen eher schmucklosen Ruhestätten durch ein Bild und eine Cola-Flasche mitten drauf unterschieden oder durch einen Anker als Grabzierde und letzten Gruß

Auf der B4 fuhren wir die Strecke zurück bis Aus und legten bei dem Restaurant des Vortages noch einmal einen kurzen Toiletten- und Kaffee-Stopp ein. Heute hingen keine Willkommens-Flaggen heraus wie unter anderem die deutsche Fahne am Tag zuvor, als wir zum Mittagessen eingetroffen waren. Kurz hinter Aus bogen wir links ab auf die C13 Richtung Helmeringhausen.

Wir waren wieder auf der Piste. Vor uns lag eine 50 km lange Wüstenebene, am Horizont gesäumt von einer Gebirgskette. Immer wieder trafen wir auf kleine Impala-, Oryx- und Straußen-Herden. Beim Durchqueren der Gebirgskette hofften wir auf Giraffen, die laut Klaus hier vor ein paar Jahren angesiedelt wurden. Von ihnen war aber leider 'weit und breit' nichts zu sehen. Dafür fanden wir auch hier herrlich große Siedelwebernester – wie bereits zuvor immer wieder an der Strecke und schon bei unserer ersten Pirschfahrt. Sie können halbe Baumkronen zum Absterben und Abbrechen bringen. Oft tummeln sich auch Schlangen auf Vogeljagd in den Riesen-Nestern, weshalb man sich dieser vogelreichen Mehrfamilien-Wohnung vorsichtig nähern und sich auch nicht direkt darunter stellen sollte.

Kurz vor Helmeringhausen bogen wir links ab auf die C 27 Richtung Sesriem, laut Klaus (RL) die landschaftlich weitaus schönere Strecke gegenüber der C 14 hinter Helmeringhausen am Schwarzrandgebirge entlang. Nach dem Durchqueren der Berge kamen wir wieder in weite grüne Ebenen mit Impala-Herden, Straußen, Oryxgruppen und Zebras. Leider war auch hier keine einzige der früher in dieser Gegend ausgesetzten Giraffen zu entdecken.

Ein kurzer Toiletten-Stopp bei 'Betta Camping' an der C27 ließ mich innerlich richtig die Weite und Einsamkeit dieser Gegend nachempfinden. Weit und breit nur menschleere Wüste – und mittendrin plötzlich ein Campingplatz mit Verkaufsshop und einem schön angelegten Kakteen-Beet. Sogar einen eingemauerten Camping-Wagen kann man hier mieten, allerdings zeigte die Frau im Shop kaum Interesse an uns und daran, ein Geschäft zu machen. Sie sortierte unbeeindruckt von 30 potentiellen Kunden weiter ihre Utensilien im Regal.

Beim Losfahren weiter Richtung Wolvedans (Wo die Wölfe tanzen) wurde der Himmel vor uns plötzlich ganz schwarz. Klaus zeigte sich etwas besorgt, denn bei starken Regenfällen hätten wir ein Problem mit der Piste bekommen können. Zum Glück blieb es aber lediglich bei ein paar Tropfen. Genau so schnell, wie die Wolken aufgezogen waren, waren sie auch wieder verschwunden. Stattdessen tauchte direkt am Straßen- bzw. Pistenrand ein Zebra auf, das uns nach einem kleinen Trab in ihm angemessen erscheinende Sicherheits-Entfernung neugierig beobachtete. Es war das einzige vom Bus aus erkennbare Lebewesen weit und breit.

Wer nun denkt, dass derart weite Strecken – wie heute wieder die über 450 Kilometer – ziemlich öde sind, der irrt sich. Im Gegenteil, meine Augen hafteten ständig an der sich permanent ändernden Landschaft. Schon beim Losfahren in Lüderitz hatte uns Klaus (RL) angekündigt, dass es in dieser Hinsicht der schönste und abwechslungsreichste Tag der Reise werden sollte. Die Bandbreite reichte vom Atlantik beim Start morgens über die sichelförmigen Sanddünen bei Kolmannskop bis hin zu schier endlosen Wüstensteppen mit grau-braunem Boden. Und weiter dann durch Berglandschaften mit grünen Grasflächen auf fast dunkelrotem Boden, die anschließend relativ schnell wieder übergingen in derzeit noch erstaunlich grüne Ebenen mit Grasbüscheln, denen dann aber schon bald wieder trockener und immer kargerer Boden folgte mit geschlossenen strohgelben niedrig bewachsenen Grasflächen beim Eintritt ins Namib-Rand-Reserve, das wir um 16:30 Uhr erreichten.

Hier sahen wir zum ersten Mal mitten in den teils noch leicht grünlich, teils nur noch strohgelben Grasflächen dunkle runde Kreise, so genannte kreisrunde "Geister-Zirkel", manche nur mit einem Durchmesser von 1-2 Meter, andere mit fast 10 Meter. Sie sind umgeben von einem Grasbüschelkranz und in ihrem Inneren völlig kahl. Hier wächst nichts, während die Umgebung ganz normale Grasbüschel-Bewachsung aufweist. Sogar über Google Maps sind diese dunkleren kreisrunden Flächen zu erkennen. Geben Sie dafür zum Beispiel unter Google Maps als Suchbegriffe "Helmeringhausen" und "Namibia" ein und folgen Sie der C27 bei der Abzweigung von der C13 vor Helmeringhausen nach links, immer weiter, bis die C27 vorbei an 'Alt Dawisib' nach einem riesigen Halbkreis kurz vor der C14 einen scharfen Linksknick macht. Genau an dieser Stelle unter der Einstellung 'Satellit', also nicht Karte oder Gelände, einzoomen bis zum maximal möglichen Zoomwert, der noch dargestellt wird. Dann sind einige größere Kreise zu sehen. Natürlich ranken sich um diese Stellen die verschiedensten Gerüchte. Mal werden Meteoriteneinschläge vermutet oder giftige Pflanzen, Termiten, Außerirdische usw.. Immer wieder werden sie von Wissenschaftlern untersucht, bis heute ohne eindeutige Klärung, wieso sie sich hier und in der näheren Namib-Umgebung immer wieder bilden.

Um 17:25 Uhr bogen wir – nach einem kleinen Tank- und Toilettenstopp bei einer Tankstelle unmittelbar vor der Kreuzung – links auf die C19 Richtung Solitaire ein (rechts geht’s Richtung Maltahöhe). Um 18:05 Uhr hatten wir unser Ziel, die Namib Desert Lodge erreicht. Vor dem Empfangsgebäude erwartete uns bereits die hübsche, schwarze, hochaufgeschossene, modelschlanke und noch relativ junge Susanne. Nach ihrer freundlichen Begrüßung mit einigen Informationen zur Lodge versuchte sie – immer wieder kichernd – die Namen und Zimmernummern für die zu verteilenden Schlüssel vorzulesen. Aber kaum jemand verstand ihr Englisch. Schon beim zweiten Namen gab es die erste Verwechslung. Kurz entschlossen übernahm der Österreicher R. das Kommando, sprich die Liste und die Schlüsselvergabe. Wie sich herausstellte, arbeiteten auf der wie ein breites Band vor "Versteinerten Dünen" räumlich großzügig angelegten und unter deutschstämmiger Leitung stehenden Lodge auch mehrere junge deutsche Angestellte. Für deutsche Gruppen wäre es wohl sinnvoller, wenn jemand vom deutschsprachigen Personal die Begrüßung übernehmen würde.

Die Anlage mit 2 schönen Pools, einer mit Chlor-Wasser, einer mit Salzwasser, ist lang gezogen mit in 2 Parallelreihen angeordneten schönen Doppel-Appartements. Wir hatten relativ weit hinten die Nummer 50. Auf dem gepflasterten Gehweg zwischen Restaurant und Appartement, gesäumt von kleinen Steinen als optischem Übergang zum Wüstensandboden rings herum, hörte ich es kurz vor Erreichen des Pool plötzlich rechts in den Steinen etwas rascheln. Wir blieben stehen und sahen eine kleine, etwa 30 Zentimeter lange dünne Schlange, die sich schnell windend in eleganten kleinen Bögen aus den Steinen heraus über den Sandboden entfernte. Ihr Kopf war dunkel und sie war gleichmäßig über den ganzen Körper abwechselnd mit dunklen, fast schwarzen und helleren, leicht rötlich-gelb wirkenden Ringen gezeichnet. Wie sich später beim Befragen des Personals und anhand von Fotos herausstellte, war es eine Ring-Hals-Kobra, eine Kobra-Gattung, die sich auch durch Gift-Speien in die Augen verteidigen kann. Zum Glück zog es dieses herrliche und noch kleinere Exemplar vor, lieber das Weite zu suchen.

Das Planschen und Entspannen im Pool tat gut. Von der langen Fahrerei hatte ich leicht angeschwollene Füße, etwas, was ich sonst nicht kenne. Oben nah an der Kante der versteinerten Düne direkt hinter der Lodge entdeckten wir Jeeps. Eine jüngere Deutsche vom Personal unterhielt sich kurz am Pool mit uns und meinte, falls wir essen wollten, sollten wir das am besten bald tun, bevor die Jeeptour zurück komme. Dann dauere es erfahrungsgemäß etwas länger. So brausten wir kurz darauf das Salzwasser des Pools ab und hielten auf dem Rückweg zum Appartement noch einmal Ausschau nach der kleinen Schlange. Aber sie war verschwunden. Lilo genoss anschließend das Menü mit Springbock als Hauptspeise, ich war vom Essen tagsüber zu satt für ein Menü, entschied mich nur für ein Bier und probierte mal einen Löffel von ihrer Nachspeise, einer Eis-Creme. Die Stühle gefielen mir sehr gut, schwere schmiedeeiserne Stühle, mit hinten rechts und links hoch nach oben spitz zulaufenden Spitzen, die wie Speere wirkten. Die gleichen Stühle standen auch im Appartement. Als ich mir jedoch an einer der Spitzen eine 2 cm lange Fleischwunde in den Arm ritzte, gefiel mir der Stuhl ganz spontan nicht mehr so gut. Heute gingen wir nach dem Abendessen gleich ins Bett, denn für morgen Früh war sehr frühes Wecken angesagt.

 

23.01.2010 (Samstag) – 6. Tag – Tagesstrecke: Von der Namib Desert Lodge zu den Dünen des Sossusvleis – Sesriem Canyon – zurück zur Lodge – ca. 250 km

Heute hieß es noch früher aufstehen als sonst – um 04:30 Uhr mit Abfahrt um 5 Uhr, um den Sonnenaufgang in Sossusvlei bei den Dünen erleben zu können. Anstelle des Frühstücks hatte jeder ein Lunchpaket für den Tag erhalten. Punkt 5:30 Uhr bei der Öffnung des Parks stand unser Bus beim Eingang in Sesriem. Es war bewölkt, allerdings mit vielen kleinen wolkenlosen Lücken, so dass der Sonnenaufgang mit seinem tiefroten und dann immer heller und gelblicher werdenden Licht deutlich zu erkennen war. Aber es fehlte die Faszination des Lichts auf den Dünen, die uns Klaus (RL) unbedingt erleben lassen wollte. Erst Stunden später, als sich die Wolken auflösten, konnten wir das herrliche Licht- und Schattenspiel der Sonne auf den Dünen und rund herum genießen – mit all den Farbnuancen, welche die Sonne in diesem Meer aus Sand und Dünen hervor zauberte. Mit dem Bus fuhren wir vorbei an sich immer höher auftürmenden Dünen. Das Skelett eines toten Baumes passte mit seiner Silhouette in die Landschaft. Auf dem Weg sahen wir auch wieder die Geisterzirkelkreise, Löffelhunde (auch Löffelfuchs genannt, ein Wildhund der afrikanischen Savanne, der durch seine hauptsächlich aus Termiten bestehende Nahrung von anderen Hunden abweicht, benannt nach seinen auffällig großen Ohren, die dem Aufspüren leisester Geräusche von Termiten in deren Bauten dienen) jagten sich ausgelassenen in der Ebene. Nach knapp 50 Kilometern, wenn ich mich richtig erinnere, erreichten wir Naukluft, das Ende der befestigten Piste. Von hier aus war es nur noch möglich, die restliche Wegstrecke zum Ziel unseres Ausfluges, zu "Big Daddy", der mit 350 Meter Höhe größten Sanddüne der Welt, auf der weichen Sandpiste entweder mit bereit stehenden Allradfahrzeugen oder zu Fuß zurück zu legen. Die 4-Wheel-Drive-Pritschenwagen mit nur halbvoll luftbefüllten Reifen warteten bereits auf uns. Kaum gestartet, hielten wir schon wieder an. Nein, wir waren nicht im Wüstensand stecken geblieben. Von einem kleinen Baum etwa 10 Meter links neben der Wegstrecke fraß in aller Seelenruhe eine Oryx-Antilope die Blätter, ohne sich durch uns stören zu lassen. Es war richtig zu spüren, dass diese Tiere wie nur wenige 100 Meter weiter dann ein Springbock hier keine natürlichen Feinde fürchten mussten.

Kurz darauf erreichten wir das Ende der befahrbaren Strecke bei Death Vlei, einer weißen Lehmsenke am Fuße von "Big Daddy". Ein Großteil der Gruppe begann um 8 Uhr mit dem Dünen-Aufstieg. Der beste Weg wäre direkt ab dem Ansatz des Dünenkamms auf der Ebene gewesen. Dort kann man auf dem schmalen, von unzähligen hier schon gewanderten Fußtritten vorgezeichneten "Trampelpfad" von der Ebene startend eher sanft und relativ problemlos vorwärts kommen bei stetigem leichtem Anstieg. Stattdessen wählte die Gruppe, der ich folgte, einen Weg mit einem steileren Anstieg auf der rechten Dünenseite hoch zum Kamm. Zwar war auch hier bereits eine Spur vorgetreten, aber bei jedem Schritt gab der Sandboden sofort nach. Wir kamen nur langsam vorwärts, manchmal pro Tritt nur ein paar Zentimeter. Für mein kaputtes Knie war diese Routenwahl ein Fehler, wie sich bald herausstellte. Trotzdem schaffte ich es bis auf den Kamm. Von hier aus bestand das Hauptproblem beim Laufen nur noch aus meinen randvoll mit Sand gefüllten Schuhen, die ich zuerst einmal notdürftig von der drückenden Füllung befreien musste. Ansonsten ging es ohne größere Anstrengung stetig vor- und aufwärts. Unter dem inzwischen wolkenlosen Himmel zeigte sich nun von hier oben aus die Dünenlandschaft in ihrer ganzen faszinierenden Schönheit. Kleine Eidechsen und Käfer huschten über den Sand und hinterließen auf den schrägen Hängen ihre bizarren kleinen Fußspuren.

Um 9:30 Uhr waren wir wieder zurück bei den Pritschenwagen. Sie brachten uns wieder zum Bus, mit dem wir die Strecke zurück fuhren nach Sesriem. Nach dem Naturschauspiel der Dünen mit bis zu 350 Meter Höhe präsentierte sich das nächste Naturschauspiel bei Sesriem in der Tiefe. Nur wenige Kilometer von der Einfahrt zum Dünen-Park entfernt erreichten wir den 18 Meter tiefen Sesriem-Canyon, übersetzt 6 Riemen-Canyon. Früher gelangten die Einheimischen nämlich über 6 miteinander verbundene Lederriemen (Sesriem) a 3 Meter runter auf den Grund des Canyons. Nach dem vorangegangenen überwältigenden Naturerlebnis bei den Dünen nahmen wir diesen kleinen Canyon, ein vor mehr als 2 Millionen Jahren durch Erosionen entstandenes Naturschauspiel, eher nur noch beiläufig zur Kenntnis.  

Wir fuhren wieder zurück zu der Tankstelle, an der wir schon gestern bei der Herfahrt und heute Morgen angehalten hatten. Sie liegt nur wenige Meter neben dem Eingang zum Dünen-Park. Diesmal diente unser Stopp aber nicht zur Toilettenpause oder zum Tanken. Die angegliederte Werkstatt war das Ziel, unser Bus brauchte einen neuen Dieselfilter. Während dieser rund einstündigen "Zwangspause" suchten alle Schutz im Schatten an den kleinen Bistrotischen vor dem angegliederten Restaurant, zum Beispiel wie wir mit einem 'Magnum-Eis'. Unser Reiseleiter Klaus lag dagegen mit Mechanikern der Werkstatt unter dem Bus, während Fahrer Albert abseits des Busses hoffte, dass alles wieder in Ordnung kommt.

Mit neuem Dieselfilter kamen wir um 13:30 Uhr wieder zurück zur Namib Desert Lodge, die am Fuß einer "Versteinerten Düne" liegt. Heute war mal Zeit für ein kleines Mittagsschläfchen, das viele Mitreisende sonst während der Fahrt und dem Geschaukel im Bus mehr oder weniger genossen und täglich von Neuem zelebrierten. Nach einem Kaffee beim Restaurant, der am Nachmittag kostenlos zur Verfügung stand und einem kleinen Häppchen Kuchen warteten um 17:15 Uhr wieder 3 Jeeps auf uns zur Pirschfahrt. Es ging schon damit los, dass ein Teilnehmer nicht erschien. Kurz darauf, als wir schon unterwegs waren, fuhr ein Jeep noch einmal zurück und holte ihn. Er hatte verschlafen. Die Pirschtour sollte sich von der Landschaft her als sehr schön, von der Tierwelt als total enttäuschend erweisen. 2 weit entfernte stehende Oryx kurz nach dem Start waren die komplette Wildtier-Ausbeute in über 3 Stunden. Als uns bei einem Stopp der Leiter des Ausflugs in schwer verständlichem Englisch über bereits zuvor schon öfter gesehene Landschafts-Begebenheiten wie die "Versteinerten Dünen" rundum berichten wollte, wurde aus der Gruppe heraus zuerst einmal ein junger deutsch sprechender Begleiter aus Holland gebeten, doch bitte die Erklärungen zu übernehmen, wenn er schon im Gegensatz zu seinem Kollegen deutsch spreche. Und die erste Frage an ihn war, wo denn die Tiere seien. Er klärte uns auf, dass wir auf unserem Weg wohl keine sehen würden, da sie sich schon seit den Regenfällen der vergangenen Woche in einem weit entfernten Bereich der Lodge aufhalten würden, der aufgrund der Entfernung im Rahmen der Pirschfahrt nicht erreicht werden könne. Woraufhin etwas Gemurre in der Gruppe entstand, das eine Frau spontan in Worte fasste: "Wenn Sie das schon vorher wussten, dann wäre es fair gewesen, dies vor Fahrtantritt zu sagen. Dann hätten wir uns entscheiden können, ob wir nur wegen der Landschaft 25 Euro bezahlen wollen oder nicht. Ich wäre jedenfalls nicht mitgefahren, wenn ich das gewusst hätte. Wer eine Pirschfahrt bucht, der möchte auch Tiere sehen." Viele in der Gruppe stimmten ihr bei. Aber dann genossen wir doch die Fahrt, unter anderem bei einem Halt auf den dunkelroten 'Versteinerten Dünen'. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick über die zu ihren Füßen liegende Lodge und die Appartements hinweg bis zum Horizont. Der Halt beim Sonnenuntergang war wieder begleitet von der obligatorischen "Malaria-Prophylaxe" aus alkoholischen und nicht alkoholischen Getränken. Von der Anhöhe der Sanddüne aus hatten wir wieder einen tollen Blick auf eine weite Ebene, eingetaucht in das von hellgelb ins feuerrot übergehende Licht der untergehenden Sonne. Hier an dieser Stelle war die blassgelbe Gras-Landschaft übersät mit den schon mehrmals zuvor gesichteten mysteriösen Geister-Zirkeln.

Nach dem Abendessen, wieder gab es nur Menü mit dem schon vertrauten Springbock, saßen wir noch kurz mit der in Namibia aufgewachsenen deutschstämmigen Besitzerin zusammen. Sie erzählte uns, dass sie mit ihrem Mann 13 Jahre in Deutschland gelebt habe. Sogar auf dem Oktoberfest hatte sie bedient. Zuletzt hatten beide bei Starnberg gelebt. Aber nach einer Wohnung im 6. Stock war die Entscheidung gefallen: Raus aus dem gefühlten Käfig – wieder zurück in die Natur nach Namibia. Die Übernahme der Lodge war entsprechend die Realisierung eines auch in Deutschland zuvor gereiften Traumes.

An einem Tisch hatten sich 6-7 Reiseleiter versammelt, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen – mitten drin auch "unser Klaus". Wie wir zog auch er sich bald zurück. Es war ein langer Tag.

 

24.01.2010 (Sonntag) – 7. Tag – Tagesstrecke: Von der Namib Desert Lodge über Solitaire, Kuiseb Canyon und Mondlandschaft nach Swakopmund – ca. 340 km

Heute erwartete uns wieder der übliche Rhythmus, 6 Uhr Wecken, 6:30 Uhr Frühstück, 7:30 Uhr Abfahrt. Erster Halt war in Solitaire (steht für 'einsam'). Hier konnten wir in einem Art "Tante Emma Laden" wieder Proviant einkaufen. Es war eine schöne Lodge mit angeschlossenem Campingplatz, ausgestopften Wildtier-Köpfen an den Wänden den Ladens, Oldtimern davor – und aus einer angeschlossenen Bäckerei roch es verlockend nach frischen Backwaren. Alkohol gab es heute keinen, weil sonntags ein Verkaufsverbot für Alkohol bestehe, wie wir erfuhren. Deshalb hing an den Türen der Kühlschränke mit Bier ein Vorhängeschloss. Stattdessen kauften wir uns eine Flasche Nederburg Shiraz Rotwein, der unbeachtet und frei zugänglich auf der Theke stand. Wein scheint also nicht unter das Alkoholverkaufsverbot am Sonntag zu fallen – vielleicht war es bei dem Trubel von so vielen Leuten auch nur ein Versehen.

Weiter ging es auf der Piste der C14 Richtung Walvis Bay (Walvisbaai). 240 km Strecke lagen vor uns. Die Vegetation wurde immer karger. Bei einem mächtigen Kakteengewächs legten wir einen kurzen Foto-Stopp ein. Äußerlich für uns alle eine normale Kaktee. Aber dann lernten wir, dass es sich hier um eine Euphorbia Virosa, eine namibische Giftwolfsmilch handelt. Die Einheimischen, vor allem die Herero und die Namib-Buschmänner verwendeten den eingetrockneten Milchsaft der Giftwolfsmilch als Pfeilgiftzusatz und zum Vergiften von Hyänen und Schakalen.

Beim nächsten Halt während der Durchquerung eines Bergmassivs sahen wir den Giftwolfsmilch-Kakteenstrauch noch einmal. Hier, beim Kuiseb-Canyon gelang es ansonsten nur kleinen Kriechpflanzen vereinzelt, sich auf dem kargen Felsboden zu behaupten, einige fanden sogar genug Nahrung und Feuchtigkeit für kleine Blüten. Im Tal durch das Massiv zeigte das breite und trockene Kuiseb-Flussbett, dass die Regenfälle der Vorwoche nicht ausgereicht hatten, dass hier noch etwas davon hätte ankommen können. Nach Aufzeichnungen hat der westlich von Windhoek im Khomashochland entspringende Kuiseb-Fluss, eines der stärksten Riviere in Namibia, zwischen 1837 und 1977 nur 14 mal den Atlantik südlich von Walvis Bay erreicht, also im Schmitt 1x alle 10 Jahre. Der bis zu 200 Meter tiefe Kuiseb-Canyon wird auf 2-4 Millionen Jahre geschätzt. Wir erfahren, dass das Ozeanbecken, welches hier vor der Erderhebung die Landschaft prägte, indirekt auch heute noch für den Landschafts-Charakter sorgt. Denn die durch die Erhebung zusammengefalteten Schlamm- und Schlick-Schichten versteinerten zu Schiefer, der weitgehend diese bizarre und nahezu menschenleere Bergregion dominiert. Teilweise ist er bereits derart stark verwittert, dass schroffe und kantige Bergspitzen schon von Wind und Wetter abgetragen sind und so die Landschaftsformation wie ein versteinertes Meer mit starkem Seegang und oben abgerundeten Wellenbergen anmutet.

Von hier aus durchquerten wir nun den trockensten Teil der Namib-Wüste. Nur noch weiße Piste und rund herum weißer Sand, so weit man schauen konnte. Als erste Abwechslung tauchten links Gips-Berge auf. Neben dem Gips-Abbau wird in dieser Gegend kurz vor Walvis Bay und dem Atlantik auch Granit abgebaut. Dann passierten wir Rooikop, den Flughafen von Walvis Bay. Er wurde neu ausgebaut auf internationales Niveau – sogar für den neuen Riesen-Airbus A380. Genau auf Flughafenhöhe ging die zuvor endlos scheinende Sandpiste über in Asphalt. Im Anschluss an den Flughafen erreichten wir wieder einen Dünen-Gürtel, mit der Düne 7 an der Spitze. An ihren Ausläufern deutete ein kleiner Palmenhain auf eine Oase hin. Hier bogen wir vor den Dünen von der C14 nach rechts ab Richtung Swakopmund und legten direkt nach der Abzweigung bei einem Restaurant mit großem Quadverleih für Dünenfahrten eine kurze Rast ein. Bei der Weiterfahrt erschien der Straßenbelag fast wie geteert, aber es war ein Salzbelag, geschwärzt von den Abgasen und von dem schwarzen Gummiabrieb der Reifen von Autos, LKWs und Bussen. Nach Regenfällen muss der Belag wieder ausgebessert und teils neu aufgetragen werden, was hier allerdings nur selten notwendig ist. Parallel zur Straße begleitete uns auf der linken Seite der Dünen-Gürtel 30 Kilometer lang und mit einer Breite von bis zu 7 km bis unmittelbar vor Swakopmund. Als das Ende der Dünen-Berge ins Sicht kam, tauchte plötzlich mitten in der Wüstenlandschaft vor uns ein kleines grünes Band auf, das mit seinem satten Grün wie eine Oase inmitten des Wüstensandes wirkte. Es war der Golfplatz des Rossmund Golf Clubs, circa 5 Kilometer vor Swakopmund gelegen. Die Fairways werden mit Abwässern der Stadt Swakopmund begrünt, die zuvor in einer Kläranlage aufbereitet werden. Bei der Eröffnung 1980 noch als störend empfunden, avancierten zahlreiche Springböcke, Vögel und vor allem auch Oryx-Antilopen zu einer regelrechten Attraktion der spektakulären Anlage.

Als dieser Golfplatz vor den Toren von Swakopmund in Sichtweite kam, bogen wir rechts ab Richtung Moonlandscape, also Mondlandschaft und Welwitschia-Fläche. Unser Ziel war die sogenannte Mondlandschaft, die wir nach etwa 10 Minuten Fahrt erreichten. Sie entstand vor circa 450 Millionen Jahren. Hier hat sich der Swakop River inmitten einer Granit- und Dolerit-Landschaft in weiche Gesteinsschichten gegraben. So vermittelt dieses bis auf wenige Flechten weitgehend vegetationslose Gebiet das Gefühl, man befinde sich plötzlich auf einem fremden Planeten wie beispielsweise dem Mond. Interessant bei den wie abgestorben wirkenden schwarzen und braunen Flechten: Befeuchtet mit ein wenig Wasser wechseln sie sofort ihre Farbe und werden grün, als möchten sie sich umgehend für die lebensspendende Feuchtigkeit bedanken.

Wir fuhren wieder zurück und dann direkt nach Swakopmund, der bis heute 'deutschesten Stadt Namibias'. Der Name stammt von abgestandenem schwefelhaltigem Wasser, das hier früher seinen Gestank verbreitete und hat daher ungefähr die Bedeutung von Gülle. Heute sind nur noch etwa 10% der auf rund 45.000 Einwohner geschätzten Stadt deutschstämmig. Trotzdem zeugen viele herrschaftliche Häuser aus der deutschen Schutzmacht-Zeit, sowie deutsche Straßennamen und Inschriften und auch einige Gasthäuser mit deutschem Namen und deutschen Speisekarten vom früheren Einfluss der Deutschen. Swakopmund, offiziell gegründet 1892 vom damaligen Reichskommissar und Befehlshaber der Schutztruppe, Hauptmann Curt von François, war früher der zentrale Hafen für die Einwanderer aus Deutschland. Über ihn wurde auch alles, was die deutsche Kolonie Deutsch-Südwestafrika benötigte, eingeführt.

Heute ist Swakopmund ein beliebter Urlaubsort, nicht nur für Touristen, sondern auch für reiche Hauptstädter aus Namibia, die in diesem kühleren Atlantik-Klima der Hitze des Landesinneren entfliehen. Beim Schlendern durch den Ort entdeckten wir bei Immobilien-Angeboten für moderne in Strandnähe gelegene Luxus-Häuser Preise von über 2 Millionen Euro. In der Urlaubszeit ist hier kaum ein Übernachtungsplatz zu finden, viele wohnen rund um Swakopmund auf Campingplätzen und die Stadt weist in dieser Zeit nahezu eine Verdopplung der Einwohnzahl aus.

Um 14 Uhr erreichten wir nach einer kleinen Stadtrundfahrt, bei der uns Klaus (RL) die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und ein paar interessante und gute Restaurants zeigte, unser Hotel – den alten Bahnhof, heute offiziell nur noch "Swakopmund Hotel" genannt. Das ursprüngliche Gebäude stammt aus dem Jahr 1902, als hier ein Bahnhof im wilhelminischen Stil erbaut und die Eisenbahnverbindung nach Windhoek eröffnet wurde. 2002 wurde der alte Bahnhof detailgetreu renoviert und beherbergt nun unsere Bleibe für die beiden folgenden Nächte, das Luxushotel "Alter Bahnhof" mit integriertem Spielcasino.

Nach dem Einchecken spazierten Lilo und ich durch die Stadt, in der nur wenige Menschen und Autos auf den Straßen unterwegs waren. Dagegen war das Kinderschwimmbecken beim Leuchtturm-Restaurant in unmittelbarer Nähe des Leuchtturms und des 1901 erbauten Bezirksgerichts fast überfüllt – mit einem Gewirr von ausgelassen fröhlichen Kinderstimmen. Im Atlantik dagegen waren nur 4-5 unentwegte Badende zu sehen – bei 16 Grad Wasser- und 19 Grad Lufttemperatur.

Um 16:45 Uhr kehrten wir im Leuchtturm-Restaurant ein und wollten essen. Aber auf Nachfrage erfuhren wir, dass es erst ab 18 Uhr die freie Auswahl auf der Karte gäbe. Falls wir dann wieder kommen möchten, sollten wir aber vorsichtshalber reservieren. Wir suchten einen Tisch mit freiem Blick auf den Atlantik aus und schlenderten anschließend weiter durch die Stadt, vorbei am Alten Amtsgericht aus dem Jahr 1906. In einem der Supermärkte stellten wir wie am Morgen in Solitaire wieder fest, dass Alkoholverkauf am Sonntag verboten ist. Die entsprechende Abteilung war durch quer gestellte Einkaufswagen blockiert. Allerdings standen hier in Kassennähe Kühlschränke mit ganz normalen Bier-Sixpacks, die auch mehrfach gekauft wurden. Entsprechend durchschauten wir den Sinn des Alkoholverkaufs-Verbotes am Sonntag nicht so ganz. Kurzentschlossen kehrten wir noch einmal zurück zum Hotel, denn es war jetzt gegen Abend doch kühler geworden. Auf dem Rückweg passierten wir ein Haus, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift "Deutsches Schutzgebiet" prangte. Ein Band mit v-förmig angebrachten Metallspitzen auf der Mauer über der Eingangstür ließ das Haus in Verbindung mit dem Schild fast wie eine kleine Festung erscheinen. Kurz nach 18 Uhr waren wir wieder im Restaurant und wurden zu unserem reservierten Tisch geführt. Wir wunderten uns, warum das Reservieren notwendig war, denn das Riesenlokal war bis auf wenige besetzte Tische zu nahezu 90% leer. Ab 19 Uhr jedoch, als sich der Sonnenuntergang anbahnte, füllte sich das Restaurant von Minute zu Minute und war gegen 19:30 Uhr bis auf den letzten Platz besetzt. Jetzt waren wir doch froh über die Reservierungsempfehlung. Was auffiel: Mit Ausnahme eines einzigen jungen schwarzen Paares waren es nur weiße und überwiegend jüngere Besucher.

Beim Blick durch das Fenster auf den Atlantik tauchte plötzlich eine Robbe rund 5 Meter vom Strand entfernt immer wieder auf und schwamm in ganz gemächlichen Bewegungen am Ufer entlang und kurz darauf auf dem gleichen Weg wieder zurück. Dann tauchte die Sonne am Horizont rot ins Meer, während wir zusammen ein sehr gutes 700 Gramm Rumpsteak genossen, auf heißer Platte serviert. Dazu einen Perdeberg Shiraz Reserve Rotwein. Ein gutes Essen (Steak 180, Wein 97 Dollar) – bei herrlichem Blick auf’s Meer, ein rundherum gelungener romantischer Abend. Zurück im Hotel lief im einzigen deutschen Fernsehsender RTL noch den Katastrophenfilm 'Poseidon' des deutschen Regisseurs Wolfgang Petersen.

 

25.01.2010 (Montag) – 8. Tag – Tagesstrecke: Swakopmund – Walvis Bay, Katamaranfahrt nach Cape Cross zur Robbenkolonie – Swakopmund – ca. 70 km

Das Frühstück war heute nicht vergleichbar mit den bis während der Reise erhaltenen Standard-Frühstück-Angeboten. Es gab, neben dem sonst Üblichen als Besonderheit frische Austern und Lachs – ein Genuss am frühen Morgen. So gestärkt trafen sich alle um 7:45 Uhr im Bus für die Fahrt nach Walfischbucht (offiziell Walvis Bay bzw. auf Afrikaans Walvisbaai – gestern auf der Fahrt zeigten die Straßenschilder beide Namen). Mit rund 67.000 Einwohnern ist Walvis Bay die drittgrößte Stadt Namibias und beherbergt den bedeutendsten Seehafen des Landes. Der Namen resultiert aus dem reichen Wal- und Fischvorkommen. In der deutschen Schutztruppenzeit lag der Ort wie eine Enklave außerhalb des deutschen Gebietes. Später hielt die Republik Südafrika Walvis Bay besetzt bis nach dem Ende der Apartheid 1994, also sogar noch nach der Unabhängigkeit von Namibia im Jahr 1990.

Am Hafen erwartete uns bereits ein Katamaran – und eine Schar von Pelikanen. Für 43 Euro pro Person (konnte in Namibia-Dollar und Euro bezahlt werden) ging es an der Küste entlang, vorbei an einer auf rund 800 Stelzen ins Meer gebauten Guano-Plattform, auf der neben dem Rosapelikan und anderen Seevögeln vor allem tausende von Weißbrust-Kormoranen brüten. Pelikane hatten uns ja schon vor dem Einstieg an Land begrüßt. Während unserer Katamaran-Fahrt segelten zahlreiche von ihnen auf einen Pfiff eines Bordmitglieds heran und schnappten im Flug aus seiner Hand den Fisch, mit dem er sie angelockt hatten. Aber nicht nur Pelikane begleiteten den Katamaran. Plötzlich setzte sich ein Kormoran direkt auf die Reling, fast auf die Schulter von Jörg, dem Tierarzt. Auch er bekam seinen Fisch, der Kormoran, nicht Jörg. Der genoss wie wir die Bordverpflegung. Zum Einstand wurde Sherry verteilt und nachgeschenkt.

 

Ein großer Kutter mit Austern-Käfigen an Board deutete schon auf eine vorgelagerte große Austernzucht hin. Auf der Höhe der mit blauen Bojen gekennzeichneten Zuchtkäfige gab es bei einem kleinen Verpflegungs-Stopp Sekt, Häppchen und passend zum Halt – Austern.

 

Dann ging die Fahrt weiter nach Cape Cross zur kilometerlangen und weltweit größten Robben-Kolonie. Sowohl an Land als auch kaum weniger im Wasser wimmelte es nur so vor lauter Robben-Körpern. Aus vielen Kehlen waren ihre fast wie Wehklagen und Jammern anmutenden Laute zu hören.

Kurz bevor wir auf der Rückfahrt wieder im Hafen von Walvis Bay anlegten, zeigte sich, dass der Bootsmann, der zuvor schon die Pelikane gefüttert hatte, nicht nur diese schon an sich gewöhnt hatte. Plötzlich kletterte eine Robbe auf der rechten hinteren Bootsseite über die Stufen bis auf Sitzhöhe und bekam einen Fisch. Nach einem Sprung zurück ins Wasser wiederholte sich das Schauspiel. Dieses Mal musste sie sich den Fisch von einem der Sitze holen. Und beim 3. Anlauf kam sie ganz ins Bootsinnere, um sich auf dem hinteren Deck des Katamarans eher vorsichtig und scheu ihren Fisch zu schnappen und danach sofort wieder den Rückzug anzutreten. Über die Reling glitt sie zurück in ihr Element und tauchte ab. Für alle war dies zum Abschluss noch ein schönes Highlight.

Anschließend fuhren wir wieder auf der B2 an der Küste entlang zurück nach Swakopmund und waren um 13:30 Uhr wieder im "Alten Bahnhof", unserem Hotel. Wir beschlossen, ein kleines Mittagsschläfchen einzulegen. Aber schon nach wenigen Minuten wurden wir wieder aus dem Schlaf gerissen. Bohrgeräusche und regelmäßige Hammerschläge in der Nähe unseres Zimmers beendeten die Ruhe. So beschlossen wir, die kostenlose Möglichkeit zu ergreifen, in einem Internetraum einen der PCs zum Surfen nutzen zu können. Eine Nachricht meines Cousins, dass meine Mutter mit Thrombose und Notarzt ins Krankenhaus eingeliefert und notoperiert wurde, ließ uns gewaltig aufschrecken. Nachdem zu Hause niemand erreichbar war, steigerte sich die innere Unruhe noch. Erst später kam die Entwarnung – zum Glück war die OP noch rechtzeitig erfolgt.

Nach diesem Schreck spazierten wir ins "Ocean Basket", ein einfaches Seafood-Lokal mit günstigen Preisen, nicht sonderlich romantisch, sondern eher im Stil eines mit einfachen Stühlen und Tischen ausgestatteten Schnell-Imbiss-Restaurants. Klaus (RL) hatte es empfohlen. Lilo entschied sich für die gemischte Fischplatte (96 Dollar) und ich aß ein 250 Gramm Calamari-Steak (59 Dollar). Ein gutes und preiswertes Essen, mit Wein und Bier für zusammen 174 Dollar.

Vom Ocean Basket aus schlenderten wir die Straße runter Richtung Atlantik, vorbei am zwischen 1904-1906 im Neobarock-Stil erbauten Hohenzollern-Haus. Anfangs wurde es als "Hohenzollern-Hotel" genutzt, heute enthält es Eigentumswohnungen. Als ein Baudenkmal und Wahrzeichen der Stadt wurde es 1972 zum 'Nationalen Denkmal' ernannt.

Am Strand trafen wir auf das Restaurant "The Tug", ursprünglich ein ausgedienter Schlepper, mit tollem Meerblick. Langsam näherte sich die Sonne dem Horizont und wir wollten den Sonnenuntergang hier auf der "Jetty" beobachten, dem eisernen 325 Meter langen Landungssteg. Die Jetty wurde 1905 von der deutschen Schutztruppe aus Holz erbaut und später durch eine stabilere Eisenkonstruktion ersetzt. Auf dem Landungssteg erlebten wir über der Brandung das Eintauchen des glutroten Sonnenballs in den Atlantik. Auch einige jüngere Pärchen genossen die romantische Stimmung.

Über die Strandpromenade, früher auch mit dem Hintergedanken angelegt, um ein romantisches Ambiente vermitteln zu können und damit vor allem auch deutsche Frauen in der Schutztruppenzeit hier her zu locken, spazierten wir wieder zurück ins Hotel. Andere Gruppenmitglieder waren im Brauhaus eingekehrt und hatten auch dort gut gegessen, einige ältere Herrschaften waren im Hotel geblieben und ebenfalls sehr zufrieden mit dem Essen.

Ein erneuter Blick ins Internet-E-Mail-Postfach ergab weitere Entwarnung. Mutter ging es wieder besser, für uns "in der Ferne" eine große Beruhigung. Vor dem Schlafen schlossen wir diesen tollen und am Ende auch etwas aufregenden Tag noch mit ein wenig Lesen ab.

 

26.01.2010 (Dienstag) – 9. Tag – Tagesstrecke: Swakopmund – alte Fels-Gravuren in Twyfelfontein – Versteinerter Wald – Khorixas – ca. 480 km

Nach 5 Austern und Muscheln und Lachs und Rührei und frischen Säften ging es um 07:30 Uhr außergewöhnlich gut gestärkt auf die nächste Etappe. Auf der C34 sahen wir beim Herausfahren aus dem Ort erst, wie weit sich Swakopmund noch Richtung Norden erstreckt. Im Anschluss folgte ein riesiger menschenleerer Campingplatz am Atlantik entlang. Dieses gigantische Urlauber-Areal ist laut Klaus (RL) zur Ferienzeit, vor allem in der Weihnachtszeit, nahezu voll. Heute Morgen zeigte sich das Wetter hier, wie es oft typisch ist bei kalter Meeresströmung. Es war neblig. Und diese Witterungsverhältnisse waren auch maßgeblich verantwortlich für die Namensgebung dieses Küstenbereichs. Wir befanden uns an der Skelett-Küste. Von der Straße aus war der nur etwa 100 Meter hinter dem Wüstensand liegende Atlantik nicht zu erkennen. Umgekehrt wie uns an diesem Morgen erging es früher oft auch den Schiffen. Sie konnten das Land nicht sehen. Bei diesem Nebel war für sie selbst aus geringer Entfernung die Küstennähe mit bloßem Auge nicht festzustellen. Da in dieser Gegend eisenhaltige Dolerit-Felsen den Magnet-Kompass irritierten, wurde so dieser unwirtliche Küstenabschnitt für einige Schiffe zur oft tödlichen Falle. Sie liefen auf die vorgelagerten Doleritfelsen auf. Viele Besatzungsmitglieder, die nach der Havarie das Land erreichten und sich damit in Sicherheit glaubten, kamen anschließend in der Wüste um. Ihre Überreste gaben dem Küstenabschnitt seinen Namen. Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund weshalb, bat Klaus den Fahrer, anzuhalten. Wir stiegen aus und folgten ihm über den lockeren Sand Richtung Atlantik. Nach wenigen Minuten und rund 100 Metern Fußmarsch erkannten wir den Grund für den Halt und unsere Sand-Exkursion. Aus dem Nebel tauchte schemenhaft das Wrack eines Schiffs auf, das hier auf Grund gelaufen war – ein fast gespenstisches Szenario. Ebenfalls wie aus dem Nichts tauchten auf unserem Rückweg beim Bus auch 2 Händler auf. Sie mussten hier irgendwo zwischen den Sandhügeln 'hausen' in der Hoffnung, dass ab und zu ein Bus hält. An diesem Morgen fanden sie in unserer Gruppe keine Käufer für ihren Schmuck aus kleinen Muscheln. Beim Einsteigen hinterließen wir im Gang deutliche Spuren vom nebelfeuchten Sand, der bei allen noch am Schuhwerk klebte. Kurz darauf begann sich der Nebel etwas zu lichten und wir passierten ein kleines Dorf mit bunten Häusern ohne Strom, jedes mit einem kleinen Toilettenhäuschen außerhalb und Wassertanks für die Wasserversorgung. Die Fahrt führte uns weiter in den Küstenort Henties Bay, wo wir einen kleinen Toilettenstopp einlegten. Anschließend verließen wir die Küstenregion und bogen nach der Überquerung des Omaruru von der C34 rechts ab auf die C35 Richtung Uis. Ab hier befanden wir uns wieder auf der inzwischen schon fast vertrauten Piste.

Während der Fahrt erschien am Horizont das "Matterhorn Namibias", die 1728 m hohe Spitzkoppe. Jahrtausende alte Felsmalereien, die hier gefunden wurden, sind heute weitgehend durch Vandalismus zerstört. Ein Österreicher, der hier vor vielen Jahren lebte, starb nach 6 Jahren an Nierenversagen. Er hatte zu wenig getrunken. Als nächstes Bergmassiv zeigte sich in Fahrrichtung links vor Uis der Brandberg. Seinen Namen bekam er wegen der glühenden Farbe, in der er leuchtet, wenn die Sonne von Westen auf ihn scheint. Bei den Hereros wird er auch Omukuruwaro, Berg der Götter genannt. Als höchste Spitze überragt der 2606 m hohe Königstein das Massiv. Er ist damit zugleich auch der höchste Berg Namibias. Auch hier finden sich viele Felsmalereien. Meistens werden Tiere dargestellt, die bekannteste Malerei ist jedoch die 45 cm große "Weiße Dame", die 1917 vom deutschen Forschungsreisenden und Geologen Reinhard Maack entdeckt wurde. Heute geht man davon aus, dass es sich nicht um eine Frau, sondern eher um einen Krieger oder Schamanen handeln soll. Allerdings sind nur noch vage Überreste vorhanden. Ein Bildband "Weiße Dame, Roter Riese" zeigt eindrucksvolle Felsbilder von dieser Gegend.

Bei der Weiterfahrt war bald von weitem zu erkennen, dass wir uns nun Uis nähern – an riesigen weißen Abraumhalden der früheren Zinn- und Wolframmine. In der Blütezeit um 1980 entstand hier rund um die damals größte Zinnmine der Welt ein wirtschaftliches und soziales Zentrum. Schon 10 Jahre später verloren die etwa 450 Beschäftigten wieder ihre Arbeit. Fallende Weltmarktpreise hatten dafür gesorgt, dass die Förderung des weichen Schwermetalls Zinn unrentabel wurde und die Mine stillgelegt werden musste.

Kurz darauf hielten wir auf freier Strecke. Mitten in der endlosen Weite war links am Rand der staubigen Piste ein großer Stand mit einer riesigen Auswahl von unterschiedlichsten Quarzsteinen und Mineralien aufgebaut. Eine kleine winddurchwehte "Hütte" dahinter, bestehend aus 6 in den Boden gerammten kleinen Baumstämmen samt einiger Zweige, über deren obere Enden Decken und Tücher als notdürftiges Dach gelegt worden waren, bot einigen kleineren Kindern etwas Schutz vor der sengenden Sonne. Natürlich sprangen alle sofort auf und rannten vor zu den Erwachsenen, um 'mitzuhelfen', als unser Bus sich näherte und anhielt. Die Einheimischen hatten ihre Quarzsteine phantasievoll drapiert auf Holzbrettern, aufgelegt zum Beispiel auf einem halbverrosteten leeren Ölfass. Krumme Stecken und Zweige stützten die Ecken der Präsentiertische auf dem Boden ab. Die Fantasie für die Angebots-Flächen kannte keine Grenzen. Deckel von leeren Farbeimern, einfach auf Steine aufgelegte Bretter, oder nur im Sand ausgebreitete Decken, alles diente als Verkaufsfläche. Und so einladend und unkonventionell drapiert, fanden bei dem kurzen Stopp einige schöne Quarze neue Besitzer.

Wir blieben auf der C35 – Richtung Khorixas. Die Straße verdiente hier wohl eher nur die Bezeichnung "Rüttelpiste". Frauen an kleinen Straßenständen in bunten langen Gewändern mit Kopfbekleidung in der gleichen Stofffarbe versuchten uns immer wieder durch ihr Winken zum Stehenbleiben zu animieren. Wie ein Turban bedeckte der Stoff den Kopf und war vorne auf Stirnhöhe zu einem etwa 50 Zentimeter breiten fast stierhörnerartigen Querbalken geformt. Wir hatten das Herero Gebiet erreicht, die Heimat unseres Fahrers Albert und legten bei einem Dorf an der Strecke einen kurzen Halt ein. Gegen einen kleinen Obolus ließen sich die so farbenfroh herausgeputzten Frauen fotografieren. Die an die viktorianische Zeit erinnernde Herero-Tracht der Frauen rührt noch von der Christianisierung her. Sie soll von der Ehefrau des Missionars Hahn erfunden worden sein.

Die üblichen niedrigen Einzäunungen säumten bei der Fortsetzung unserer Fahrt auch in dieser Gegend den rechten und linken Straßenrand, allerdings oft auf weite Strecken eher funktionslos am Boden liegend statt stehend. Sie waren von hier durchziehenden Elefanten niedergetrampelt worden, was in dieser Gegend offensichtlich öfter vorkommt und scheinbar niemanden wirklich kümmerte. So ließ man sie einfach funktionslos im Staub liegen und verzichtete auf den ursprünglich damit bezweckten Schutz des umzäunten Areals.

Etwa 50 Kilometer vor Khorixas bogen wir links auf die D2612 Richtung Twyfelfontein. Unterwegs hielten wir auf einer der Bergkuppen mit Blick auf die interessante Berglandschaft. Allerdings waren wir froh, als wir wieder im Bus waren, denn hier waren wir umlagert von hunderten lästiger Fliegen. Sie umschwärmten alle den hier heimischen Mopane-Baum, der seine paarigen Blätter in starker Hitze zusammenfalten kann. Bei Laubäsern wie Elefanten, Giraffen und Spitzmaulnashörnern sind sie sehr beliebt als nahrhaftes Futter. Und ein Anziehungspunkt ist der Mopane-Baum scheinbar auch durch seinen starken terpentinartigen Geruch des Harzes für kleine lästige Fliegen.

Bei 35 Grad im Schatten erreichten wir kurz darauf nach einer Fahrt vorbei an versteinerten Dünen "Twyfelfontein", die "Zweifelhafte Quelle" im Damara-Bergland. Der Name rührt daher, dass die Quelle nur Wasser spendet, wenn der Druck nach Regenfällen dafür ausreicht. Das Alter der hier auf glatten Felsplatten neben Felsmalereien gefundenen Felsgravuren wird laut der englisch sprechenden Touristen-Führerin vor Ort auf rund 2000 Jahre geschätzt, bei einigen geht man sogar von bis zu 6000 Jahren aus. Bei Wikipedia ist die Rede von 300 vor bis 1800 nach Christus. 2007 wurden die in die Felsplatten ohne Metallwerkzeuge eingemeißelten Abbildungen von Jagdszenen und Tieren und zum Teil noch nicht entschlüsselten abstrakten Zeichnungen von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt, dem einzigen des Landes. Namibia hatte das Twyfelfontein-Tal schon 1952 zum Nationalen Denkmal erklärt, nachdem zuvor viele Felsgravuren gestohlen oder beschädigt worden waren.

Nach der einstündigen Führung kehrten wir noch kurz auf eine kleine Erfrischung bei der in der Nähe gelegenen Twyfelfontein Country Lodge ein. Einige Gäste tummelten sich am Pool – und 2 farbenfrohe Salamander im Rasen wurden von uns offensichtlich gerade beim vertrauten Zusammensein gestört.

Von hier aus fuhren wir weiter zum nächsten Nationalen Denkmal, dem 60 km entfernten und etwa 30 km westlich von Khorixas gelegenen "Petrified Forest", dem versteinerten Wald. Auf einer Fläche von 300 x 800 Metern liegen hier rund 60 größere fossile, zwischen 240-300 Millionen Jahre alte Baumstämme. Die größten, in Jaspis-Struktur, also einer dichten feinkörnigen Struktur versteinerten Stämme sind etwa 30 Meter lang und haben einen Durchmesser von bis zu 6 Meter – und noch heute sind sogar die Jahresringe zu erkennen. Man geht mangels gefundener Wurzeln davon aus, dass es sich um vor Jahrmillionen aus Angola hier angeschwemmtes Treibholz handelt, das in ungefähr 100 Meter Tiefe ohne Sauerstoff begraben wurde und durch Erosion wieder an die Erdoberfläche gelangte. 1950, kurz nach der Entdeckung erklärte Namibia den Versteinerten Wald zum Nationalen Denkmal. Die Fremdenführerin Susanne sprach ein lustiges, gebrochenes Deutsch und führte uns mit "Gema Gema" durch das Areal mit den entsprechenden Erklärungen der Entstehungsgeschichte, wobei sie uns auch ein paar Kostproben ihrer Muttersprache mit Klicklauten gab.

Kurz nach 17 Uhr starteten wir auf die letzte Tagesetappe nach Khorixas, wo wir um 18 Uhr unser Quartier, das iGOWATI Country Hotel erreichten. In einem leicht geschwungenen Bogen liegen die Appartement-Zimmer nebeneinander. Wir hatten die Nummer 13. Neben dem großen Doppelbett im Erdgeschoss des geräumigen Zimmers führte rechts auch noch eine Treppe auf eine Galerie, wo ein weiteres Doppelbett bereit stand. Beim Abendessen mussten wir uns hier wieder mit einem festen Menü zufrieden geben – für 150 Dollar. Das Abendessen, unter anderem wieder Springbock, wurde von der Gruppe überwiegend als eher lieblos angerichtet und auch geschmacklich nicht überwältigend beurteilt. Entsprechend herrschte nach den kulinarisch hervorragenden Erfahrungen in Swakopmund weitgehend Enttäuschung über die Qualität. Aber dafür zeigten der Koch und sein Team im Anschluss, dass sie gesanglich einiges zu bieten hatten.

Eingangs hatte ich ja schon den Kauf einer Flasche Killepitsch im Duty Free Shop in Frankfurt geschildert. Der besagte Abend, den sie nicht überlebte, war dieser Abend in gemütlicher Runde nach dem Essen. Sooo unbekömmlich war das angesprochene Essen nun wirklich nicht, dass urplötzlich und spontan rund um uns herum wie im Chor über Magenprobleme geklagt wurde. Aber interessanterweise erst, nachdem ich unbedacht erwähnte, dass ich eine Flasche Killepitsch dabei habe. Als Wortführer der geselligen Runde überredete mich der Tierarzt aus Hannover, dass ich jetzt unbedingt eine Runde spendieren müsse. Das Wohlbefinden unserer Reisegruppe hänge sozusagen von meiner "medizinischen Killepitsch-Hilfe" ab. Tatsächlich, kaum war die Flasche leer, ging es allen deutlich erkennbar wieder besser.

 

27.01.2010 (Mittwoch) – 10. Tag – Tagesstrecke: Khorixas – Himba-Dorf – Outjo – Buschfeld Park – Etosha Safari Camp – ca. 350 km

Heute waren wir zum ersten Mal froh, dass wir jeden Abend den Wecker auf dem Handy aktivierten. Denn der versprochene Weckruf durch das Hotel blieb an diesem Morgen aus. Nicht nur der Tierarzt verschlief. Nach dem Abendessen empfanden wir auch das Frühstück als eher bescheiden. Im Anschluss zogen die Springböcke und Strauße im Gehege des iGOWATI Country Hotels noch einmal die Blicke auf sich, auch Pfaue auf dem Dach des Hotels.

Wieder 'on the road' wechselte bereits nach 5 Kilometern (Richtung Kamanjab) der Straßenbelag auf der C35 von Asphalt wieder zur inzwischen schon längst gewohnten Piste. Die Landschaft wurde sichtbar grüner und baumreicher. Hakendorn-Akazien wucherten teilweise wie Gestrüpp und werden laut Klaus (RL) hier immer mehr zur Plage. Durch sie gelange nur ein geringer Teil der Niederschläge ins Grundwasser, weil sie sehr viel verdunsten. Gras könne entsprechend in ihrem Umfeld kaum noch wachsen und Tiere kämen kaum noch durch dieses Dornbuschgebiet. Immer wieder sahen wir grüne Weideflächen, an deren Rand Hakendorn-Akazien lagen. Allerdings ist das Abholzen ziemlich aufwendig und teuer.

Unterwegs hielten wir kurz bei einem Supermarkt mit angeschlossenem idyllischem Hotel. Von hier aus ging es auf Asphalt weiter Richtung Etosha Nationalpark. Als wir das Hinweisschild F2656 erreichten, bogen wir rechts auf den kleinen Weg ab und erreichten nach einigen hundert Metern einen Parkplatz. Hier erwarteten uns bereits 2 Führer, mit denen wir in ein als "Reservat" abgezäuntes Himba-Dorf gelangten. Die Himba leben als Hirtenvolk überwiegend im Norden Namibias, im Kaokoland. Ursprünglich sind sie verwandt mit den Herero. Durch deren Christianisierung trennten sich die Wege und viele Herero betrachten heute die Himba als zweitklassige heidnische Gesellschaftsschicht. Die Himba sehen es umgekehrt und sind stolz darauf, ihre Tradition weitgehend bewahrt zu haben. Sie leben meistens in sehr einfachen Verhältnissen – ohne Personalausweis und Urkunde. Wohlhabend im materiellen Sinn war der Himba-Stamm nie. Früher mussten die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Stammesmitglieder öfter bei den Nachbarn um Almosen bitten. Daher rührt auch ihr Name, denn 'Himba' leitet sich von Ovahimba ab und bedeutet "Bettler". Ihre knappe Bekleidung besteht bei Frauen und Männern hauptsächlich aus einem Leder-Lendenschurz, gelegentlich auch mal aus selbst angefertigten Sandalen – die sie aus Autoreifen herausschneiden. Ganz beliebt sind in Namibia Postkarten-Motive mit barbusigen Himba-Frauen. Sie 'verkörpern' im wahrsten Sinne des Wortes eine gewisse natürliche Exotik durch ihre spärliche Bekleidung in Verbindung mit ihrer geflochtenen Haarpracht, ihrem Schmuck um Kopf, Hals, Hand- und Fußgelenke und ihrer teils rötlich-braunen Hautfarbe, die daher rührt, weil sie ihren Körper von Kopf bis Fuß zum Schutz vor der Sonne mit einer roten fettigen Creme aus Butterfett und Ockerfarbe einreiben.

Im Reservat saßen die Frauen meistens am Boden, bearbeiteten Ziegenfelle, flochten kleine Körbe, bereiteten an einer Feuerstelle im offenen Topf ihr Essen zu oder säugten gerade den jüngsten Nachwuchs, umlagert von älteren Kindern. Neben den eigenen lebten hier auch Waisenkinder mit im Dorfverband. Von den Männern ließen sich nur wenige blicken. Die kegelförmigen Hütten aus Palmblättern, Lehm und Dung umkreisten mit deutlichem Abstand zwischen den einzelnen Unterkünften im weiten Rund ein Gehege aus Holzpfählen, in dem die Ziegen und Schafe gehalten wurden. Wir erfuhren, dass die Einwohner das Lebensnotwendige von dem Farmer erhalten, dem das Land gehört. Der wiederum kassiert bei einem Besuch wie unserem für jeden Besucher ein stolzes Eintrittsgeld. Einige ältere mitreisende Frauen meinten hinterher, sie hätten sich nicht wohl gefühlt bei dieser Zur-Schau-Stellung der halbnackten Himba-Frauen. Wir alle hatten dabei wohl zwiespältige Gefühle, andererseits fotografierten und filmten aber trotzdem fast alle ziemlich ausgiebig. Bis zum Reservats-Zaun von einer Schar Kinder begleitet kehrten wir wieder zurück zum Bus.

Die Fahrt führte uns anschließend nach Outjo. Der Bus hielt bei sengender Hitze vor dem Schild "Outjo Bäckerei Internet". Ein unerwartet großes und verlockend-einladend aussehendes Kuchenangebot machte die Auswahl direkt schwer. Während die meisten bei Kaffee und Kuchen eine gemütliche Rast einlegten, lernte ich etwa 100 Meter weiter in der nach einer Tankstelle folgenden Bank beim Umwechseln von 100 Euro die papierreiche Bürokratie kennen. Der Eintritt erfolgte über einen gesicherten Eingang. Zuerst musste ich die Außentür öffnen und in einen kleinen Zwischenraum eintreten. Erst nach einem offensichtlichen optischen Personen-Check konnte ich die Tür zum Innenraum der Bank öffnen. Dort wurde nach kurzer Wartezeit eine der zahlreichen Angestellten auf mich als einzigen Kunden aufmerksam und erklärte mir, dass ohne Personalausweis kein Umtausch möglich sei. Also musste ich auf dem gleichen Weg durch die 2 Türen wieder raus und zurück zum Bus. Mit Personalausweis betrat ich kurz darauf über die Sicherheits-Schleuse erneut die Bank. Nach kurzer Wartezeit steuerte nun eine andere junge schwarze Mitarbeiterin mit einigen schwerfälligen und fast zeitlupenartig beschleunigten Schritten auf mich zu und nahm über den Tresen hinweg mein Umtausch-Anliegen entgegen, ohne mich dabei auch nur ein einziges Mal anzuschauen. Ein Formular mit mehreren Durchdrucken musste zuerst einmal von einer Vorgesetzten abgezeichnet werden. Dann wurde der ganze Vorgang an den für die Auszahlung zuständigen Mitarbeiter weiter gereicht. Nach einer Unterschrift erhielt ich für meine 100 Euro 1.018 Dollar – und konnte die Bank über die Sicherheits-Doppeltür wieder verlassen, nach insgesamt 25 Minuten. In der Bakery reichte es trotzdem noch für einen Cappuccino und ein paar Ohrringe für meine Frau, die ich in einer Vitrine entdeckte – für 14 Euro samt dazu gehöriger Halskette. Es ist inzwischen schon fast so etwas wie eine lieb gewonnene Tradition, dass wir von jeder Reise ins Ausland ein paar Ohrringe mitbringen, oft in einem landestypischen Design.

Auf der C38 fuhren wir nur wenige Kilometer weiter Richtung Norden und bogen dann links ab in den Buschfeld Park, einen beliebten Halt an der Outjokuppe, die wegen der Vielzahl verschiedener Bäume als Naturschutzgebiet proklamiert ist. Das Resort unter deutschstämmiger Leitung bietet Doppelzimmer, Campingplatz, eine bunte Vogelwelt und eine interessante Einrichtung wie beispielsweise einen runden massive Holztisch mit eingeschnitzten Wildmotiven unter der Glastischplatte, umgeben von ebenfalls massiven Holzstühlen mit wechselnden Großwild-Motiven. Hier wird neben traditioneller auch Hausmannskost angeboten.

Nach einem kurzen Aufenthalt starteten wir um 15 Uhr in Richtung Okaukuejo. Von hier aus ist der Etosha Nationalpark nur noch etwa 100 Kilometer entfernt. Um 16 Uhr erreichten wir unser Tagesziel, das Etosha Safari Camp, nur 10 Kilometer südlich des Anderssons-Gate, des Eingangs zum Etosha Nationalpark gelegen. Hier schmiegen sich 50 einzeln stehende Zweibett-Bungalows zwischen Mopane-Bäumen im wahrsten Sinne des Wortes 'weitläufig' in die hügelige Natur. Beim Blick durch's Fenster unseres Bungalows Nummer 37 hatten wir das Gefühl, einsam mitten in der afrikanischen Natur zu wohnen. Nach dem Öffnen der Eingangstür begleiteten uns 9 bunte bis zu 35 cm lange auf den Boden gezeichnete Tierfiguren. Angefangen vom Tiger hinter der Tür bildeten sie in einem weiten Linksbogen durch die Bad-Eingangstür bis hin zum Löwen direkt vor der Toilette eine tierische Hufeisenform. Im Bad war direkt im Anschluss an die Tür rechts ein Halbrund als Brausenbereich gemauert – in grau-schwarz mit einer weißen Strichzeichnung der Konturen eines Elefanten von hinten. Mitten in die Po-Backen waren die Armaturen für Kalt- und Warm-Wasser integriert, in der Mitte ragte der Rüssel in die Höhe, mit dem Brausenkopf als Abschluss.

Etwas außer Atem schleppte ein Angestellter unsere 2 Koffer in den Bungalow. Er verdiente sich die 3 Dollar Trinkgeld aufgrund der langen Wege deutlich härter als seine Kollegen in den bisherigen Unterkünften davor. Deshalb gab's noch was drauf.

Mit einer Flasche Nedernburg Shiraz setzten wir uns gemütlich auf die kleine Terrasse mit freiem Blick auf die Baum- und mit viel Geröll bedeckte Hügellandschaft. Wir stellten ein paar Nüsse auf den Tisch und wollten gerade auf unseren Urlaub, auf alle daheim und auf Vater, der heute Geburtstag gehabt hätte anstoßen, als ich fluchtartig wieder ins Innere stürmte. Innerhalb von 30 Sekunden umschwirrten mich schon mehrere Moskitos und starteten mit ihrem hellen Summen ihre Attacken auf mich, während Lilo völlig unbehelligt blieb. Scheinbar lieben mich die Moskitos, die in diesem Gebiet laut Klaus keine Malaria-Gefährdung bedeuten und zum Glück erst jetzt zum ersten Mal auftauchten, auch hier in Namibia, wie auch überall sonst. Da genoss ich dann doch lieber im – von der Klimaanlage im Gegensatz zu den 35 Grad draußen wohltemperierten – Bungalow den guten Schluck und mein Buch. Lilo startete stattdessen zum Swimmingpool beim Hauptgebäude. Sie brauchte dringend Bewegung und konnte gar nicht verstehen, dass bei mir dieses Bedürfnis deutlich weniger ausgeprägt ist. Später nach Lilos Rückkehr lasen wir beide im Bett. An diesem Abend holten mich die schönen Erinnerungen an Vater, der heute Geburtstag gehabt hätte und die Gedanken an Mutter im Krankenhaus etwas ein. Und so tat gemeinsames Reden richtig gut. Wir fühlten uns so geborgen, dass wir das Abendessen im Restaurant samt geselliger Runde ausfallen ließen und es stattdessen genossen, auch mal früh um 21 Uhr schlafen zu gehen. Nachts erwachte ich mehrmals durch Hustenreiz. Jetzt hatte mich die Klimaanlage von unserem Bus auch erwischt, wie inzwischen schon gut die Hälfte unserer Gruppe, die deutlich hörbar immer wieder hustete und nieste.

 

28.01.2010 (Donnerstag) – 11. Tag – Tagesstrecke: Etosha Safari Camp – Etosha Nationalpark – Etosha Safari Camp – ca. 300 km

Um pünktlich bei Öffnung des Etosha Nationalparks um 6:30 Uhr am Anderssons-Gate, dem Eingangstor zu sein, mussten wir um 5:30 Uhr aufstehen. Frühstück gab’s ab 6 Uhr. Heute fuhr Klaus den Bus. Nach wenigen Minuten waren wir beim Gate. 2 Mitreisende hatten statt Bus die Alternative einer angebotenen Pritschenwagen-Fahrt für 70 Euro gewählt. Im Gegensatz zu uns im Bus sahen sie auch Löwen.

Ansonsten erlebten sie die gleiche Tierwelt wie wir (siehe oben eine kleine Auswahl), zum Beispiel bei einer kurzen Rast an einer Wasserstelle Springböcke, Oryx, sehr scheue Kudus (im Gegensatz zu den Weibchen haben die Bullen ein schraubenartiges, bis 1 Meter langes Gehörn, das Fell ist braun mit mehreren weißen Querstreifen), Gnus, Giraffen, Zebras, emsige Erdhörnchen, Schakale, Perlhühner, sowie verschiedene Storchenarten wie den Sekretär, der beim Starten und Landen etwas unbeholfen Anlauf nimmt bzw. abbremst, die schwarzen Abdim-Störche, Schwarzkopfstörche mit rotem Schnabel und roten Füßen und gelbe Maskenweber, deren runde lampionartige Nester (Foto oben 1. Reihe links) einen Baum wie riesige Christbaumkugeln schmückten. Bis zum frühen Nachmittag blieb es bei dieser "Ausbeute" – trotz großer Strecken, die wir auf der Suche nach den erhofften Elefanten und Löwen und womöglich sogar Leoparden zurück gelegt hatten.

Kurz vor Abschluss unserer Fahrt erlebten wir dann am frühen Nachmittag doch noch einen kleinen Ausgleich für die zu spürende Enttäuschung, dass wir im Bus von den berühmten Big 5 (Elefant, Nashorn, Leopard, Afrikanischer Büffel, Löwe) kein einziges Exemplar zu Gesicht bekommen hatten.

Nach dem Passieren einer Wasserstelle, an der sich nur einige Störche aufhielten, entdeckten wir eine Giraffenherde, angeführt von dem etwas dunkelbrauneren Bullen, auf dem Weg in Richtung dieser Wasserquelle. Wir fuhren noch einmal zurück und konnten nun ein Zusammentreffen von sich nur äußerst vorsichtig dem Wasser nähernden Giraffen, Gnus, Zebras, Springböcken, Schakalen und Vögeln bewundern. Dieses faszinierende Naturschauspiel milderte abschließend deutlich die vorher spürbare Enttäuschung darüber, dass uns die Big Five heute alle Five etwas "gepfiffen" haben. Kurz darauf verließen wir wieder den Nationalpark und fuhren zurück zum Etosha Safari Camp.

In als Sessel umfunktionierten halbierten Badewannen im Freien genossen wir das kostenlose Nachmittagsangebot von Kaffee, Gebäck und Apfelstrudel und relaxten noch etwas am Pool. Heute gönnte ich den Moskitos keinerlei Angriffsfläche, indem ich mich mit einem Anti-Moskito-Spray aus unserem Bungalow von Kopf bis Fuß einsprühte.

Abends holte Lilo eine Hamburgerin ab, die in unserer Nähe wohnte. Allein hatte sie in der Dunkelheit Angst, den relativ weiten Weg bis zum Restaurant zu gehen, obwohl wir inzwischen eine weitgehend asphaltierte und mit gelben Lampen beleuchtete Abkürzung gefunden hatten, die von unserem Bungalow schnurgerade bis zum Restaurant führte. Zusammen mit Reiseleiter Klaus saßen wir in einer netten Gruppe zusammen. Es wurde viel gelacht – und um 23:30 Uhr fuhr ein Jeep des Camps uns alle zurück zu unseren etwas höher gelegenen Bungalows.

 

29.01.2010 (Freitag) – 12. Tag – Tagesstrecke: Etosha Safari Camp – Outjo – Kalkfeld – Omaruru – Weingut – Epako Game Lodge – ca. 290 km

Heute konnten wir bis 7 Uhr schlafen. Die Fahrt führte uns wieder zurück nach Outjo zur Bäckerei, allerdings nur für einen 15-minütigen Kurzstopp. Als Proviant kauften wir uns neben Getränken 3 kleine und sehr gute Pizza-Törtchen und ein ebenfalls sehr feines Blätterteigstück. Bei der Weiterfahrt um 9:50 Uhr wurde der linken Sitzreihe ganz schön eingeheizt, die Sonne knallte bei jetzt schon über 30 Grad mit voller Kraft durch's Fenster auf dem Weg über die C38 und dann die M63 in Richtung Kalkfeld (90 km). Unterwegs sahen wir außerhalb der Umzäunung direkt am Straßenrand an einer kleinen Wasserstelle ein Kudu-Pärchen, das Männchen wieder mit dem korkenzieherartig verdrehten imposanten Geweih. Als sich unser Bus näherte, nahmen sie 2-3 Schritte Anlauf und überquerten dann mit einem eleganten Sprung absolut problemlos den Schutzzaun.

Kurz vor Kalkfeld hielten wir kurz an bei großen intakten Termitenhügeln, welche die dort weidenden Pferde wie Schlote eines hell-rötlichen Kamins in der Höhe deutlich überragten. Anschließend passierten wir Kalkfeld auf der C33, auf die wir kurz zuvor eingebogen waren. Der vom Umland her landwirtschaftlich geprägte Ort wirkte nicht gerade einladend mit seinen vielen halbverfallenen Baracken, Blechhütten und Häuser-Ruinen. Dazu passten auch ein altes halbverfallenes Hotel am Straßenrand und die Ruine einer ehemaligen Milchfabrik. Intakte schöne Häuser waren die große Ausnahme.

Genau das Gegenteil erwartete uns nach weiteren knapp 70 Kilometern in Omaruru. In der 1872 von der Rheinischen Mission gegründeten Gemeinde leben heute rund 15.000 Einwohner, unter ihnen sehr viele Pensionäre. Gutes Wasser sorgt hier für ein relativ fruchtbares Umland. Der Name leitet sich aus der Herero-Sprache ab und bedeutet so viel wie bittere Milch, zu der es immer wieder kommen kann, wenn Rinder von einem bestimmten in dieser Gegend vorkommenden Strauch fressen.

Beim "Mecklenburger Hof" bogen wir kurz nach 12 Uhr links rein und danach gleich wieder rechts ab zum Franke-Turm, benannt nach dem österreichischen Hauptmann Victor Franke, der die hier 1904 bei einem Herero-Aufstand in einer Kaserne eingekesselten deutschen Soldaten mit seiner Kompanie befreite. Die alte Kanone vor dem Turm zeugt noch von den früheren Kämpfen. Einheimische Frauen balancierten ohne ersichtliche Mühe ihre in weiße Leinensäcke gefüllten Lasten auf dem Kopf und beobachteten interessiert, wie ein Bus nach dem anderen vorfuhr, um Touristen kurz zum Fotografieren des Franketurms "auszuspeien", sie kurz darauf wieder aufzunehmen und zu verschwinden.

Eine deutsche Schule mit gutem Ruf sorgt in Omaruru mit dafür, dass über die bewusste Pflege in den deutschstämmigen Familien hinaus alte deutsche Traditionen und die Sprache erhalten bleibt. In 4. Generation lebt auch der deutschstämmige Michael Weder vor den Toren von Omaruru. Ohne Vorkenntnisse übernahm er vor 3 Jahren ein Weingut, die "Kristall Kellerei" – zu erreichen, wenn man nach dem Abbiegen beim Mecklenburger Hof circa 1 km gerade aus weiter fährt. Inzwischen hat er nach eigenen Worten schon viel dazu gelernt und engagiert sich voller Liebe für den Anbau, die Pflege und die Vermarktung seiner verschiedenen Rebensorten. Er führte uns durch seine Weinberge, eigentlich eher Weinebenen, in denen ständig auch schwarze Mitarbeiter auf und ab liefen. Sie schüttelten Plastikflaschen, deren Inhalt laut vernehmbare Geräusche produzierte. Zum Abwehren der Vogelplage, wie uns der Besitzer erläuterte, obwohl es eigentlich nicht allzu viel nütze. Anschließend führte er uns in einen kleinen Raum mit der uralten Destilliereinrichtung. Jetzt war es an der Zeit, auch das Ergebnis seiner 3-jährigen Arbeit zu probieren, und so genossen wir anschließend neben einer kurzen Weinverkostung des frisch abgefüllten Ruby-Cabernet-Sauvignon auch einen Feigenschnaps und einen guten selbst hergestellten Nappa-Schnaps, sozusagen den Grappa Namibias. Dann folgte im "Wein-Garten" unter den angenehmen Schatten spendenden Bäumen eine schmackhafte Brotzeit. Nach einem kleinen Gurken- und Tomatensalat gab es als sehr gute Hauptspeise Zebra-Salami, sowie Kudu- und Oryx-Wurst, begleitet von hausgemachten Spezialitäten wie Käse, Feigen-Marmelade und selbst gebackenem Brot. Alles zusammen für 100 Dollar. Kurz bevor wir gegen 15 Uhr wieder den Bus bestiegen und – wie üblich – zuvor der allgemeine Run zur Toilette einsetzte, stutzten wir vor deren Eingang. Ein vertrauter Dialekt ließ uns aufhorchen bei Mitgliedern einer anderen Gruppe, die hier ebenfalls Station machte. Eine Bekannte vom Nachbarort war genau so verdutzt, uns zu sehen wie wir umgekehrt. Niemand hatte vom anderen gewusst, dass er gerade Namibia bereist. Wie heißt es in solchen Situationen so schön und treffend: "So klein ist die Welt!"

Kaum waren wir unterwegs, zeigte sich, warum es heute gar so drückend und schwül war. Innerhalb kurzer Zeit hatten sich am zuvor wolkenlos blauen Himmel Regenwolken aufgetürmt und gaben nun ein paar Tropfen ab. Wir fuhren nördlich zur 24 Kilometer von Omaruru entfernt gelegenen "Epako Game Lodge" mit einem 11.000 ha großen mit Busch bewachsenen Wildtier-Reservat. Epako bedeutet in der Herero-Sprache so viel wie "Die Ecke in einer Bergkette". Um 15:45 Uhr beim Erreichen der Lodge, der letzten Übernachtungsstation vor der Rückkehr nach Windhoek, tröpfelte es immer noch leicht. Die etwas resolut auftretende deutsch sprechende Leiterin begrüßte uns und händigte uns nach dem Willkommens-Drink die Schlüssel aus, verbunden mit dem Eintrag in die Liste, wer das Abendessen bestellt und wer an der Pirschfahrt kurz darauf um 16:30 Uhr teilnimmt. Auf die Pirschfahrt für 25 Euro verzichteten nur 2 Mitreisende, auf das wiederum nur als festes Menü angebotene Abendessen Zweidrittel der Gruppe, was die Leiterin der Lodge nicht gerade begeistert zur Kenntnis nahm.

 

Eine halbe Stunde später hatte sich die Sonne wieder durchgesetzt, genau rechtzeitig zum Beginn unserer letzten Pirsch-Fahrt. Sie sollte sich, was die erhoffte Tierwelt im Areal der Lodges anbetrifft, als die schönste der 3 herausstellen, die wir auf unserer Rundreise erlebten. In den vier Stunden bis 20:30 Uhr entdeckten wir die übliche Antilopen-Tierwelt, unter anderem eine riesige Gnu-Herde mit kleinen Kälbern, die den Weg belagerte und nur wenige Meter vom Jeep entfernt keinerlei Scheu zeigte. Und nun, gegen Ende unserer Reise, sahen wir doch auch noch die ersten Exemplare der berühmten Big 5, eine vierköpfige Breitmaul-Nashorn-Familie, die es sich gerade unter einem schattenspendenden Baum gemütlich machte.

 

 

An einem ganz bestimmten Punkt ihres großen Geheges warteten schon 2 Geparden auf uns mit leisen Klage-Lauten. Sie hatten Hunger und freuten sich hörbar auf das tägliche Touristen-Spektakel der Fütterung mit vor unseren Augen als Riesensteaks ins Areal geworfenen großen Springbock-Fleischstücken. Die 2 Geparden waren laut Guide eingefangen worden, nachdem sie auf benachbarten Farmen gewildert hatten. Im Vergleich zu den Leoparden würden die Geparden gerne töten, während die Leoparden sich eher nur die tatsächlich benötigte Nahrung erjagen würden. Und es gab noch mehr zu sehen auf dieser Pirschfahrt wie beispielsweise unzählige Giraffen – und die hier absolut malerisch-schöne Landschaft des Damara-Landes. Gegen Ende der Pirschfahrt folgte wieder die schon wohlbekannte und scheinbar überall übliche Sonnenuntergangs-Zeremonie, die "Malaria-Prophylaxe" mit Sangria, anderen Getränken und Knabbereien. Dabei hatten wir auf einem kleinen Bergrücken einen tollen Ausblick auf die weite, von Bergen umgebene Ebene und entdeckten darin in der Ferne über dem Grün der Baumwipfel immer wieder kleine umherziehende Giraffengruppen.

Nach unserer Rückkehr genossen wir alle noch einen Drink auf der Terrasse des Restaurants, als plötzlich der Ruf "Nashörner" alle Blicke auf die freie Ebene unterhalb der Restaurant-Terrasse lenkte. An einer kleinen flutlicht-beleuchteten Wasserstelle hatte sich die 4-köpfige Nashorn-Familie vom Nachmittag versammelt und stillte ihren Durst.

Als ich gegen 23 Uhr mit Lilo zurück zu unserem Appartement ging, hörten wir links auf dem im Dunkeln liegenden Parkplatz, wo unser Bus stand, leises Knacken und Knistern. Über den asphaltierten Gehweg zum Parkplatz näherten wir uns einerseits neugierig, andererseits nach unserer Ring-Hals-Kobra-Begegnung aber auch äußerst vorsichtig der Geräuschquelle. Wir schlichen an der Rückseite des Busses vorbei. Als wir gerade um seine linke hintere Ecke biegen wollten, erschraken wir so sehr, dass wir beide nur noch einen Satz zurück hinter den Bus machten. Aber nicht nur wir waren total überrascht. 2-3 nervös auf den Boden getrampelte Tritte zeigten uns, dass wir die Attraktion der Lodge mit unserem unerwarteten Auftauchen ebenfalls etwas aus der Ruhe gebracht hatten. Vor uns ragten nämlich in 2 Meter Abstand auf den ersten Blick nur 4 nicht enden wollende Säulen von Beinen empor, deren Vorderhufe bei unserem plötzlichen Auftauchen nur etwa einen Meter vor uns auf den Boden gestampft hatten. Als wir wieder vorsichtig um die Busecke äugten und unsere Blicke über die Beine und einen endlos langen Hals dann oben beim Kopf angelangt waren, schauten uns die jetzt wieder ganz gelassenen Augen von Oskar an, einer hier auf der Lodge heimischen zahmen Giraffe. Für sie gehören Menschen zum ganz normalen gewohnten Umfeld, zumindest, wenn sie sich nicht nachts heimlich heran schleichen. Gemütlich äste sie weiter an dem Baum neben unserem Bus, den sie um fast die doppelte Höhe überragte. Hand in Hand wagten wir uns kaum zu rühren und genossen nur knapp 2 Meter neben Oskar ihren aus dieser Nähe überwältigenden Anblick und diesen Augenblick, den wir beide wohl nie vergessen werden. Ja, richtig gelesen, trotz Oskar schreibe ich "ihren" Anblick, denn in Wirklichkeit ist Oskar eine Giraffen-Dame, die auf der Lodge laut Auskunft eines Angestellten schon 3 Junge zur Welt gebracht hat. Nach 2-3 Minuten setzten sich die Beinsäulen vor uns in Bewegung und Oskar verschwand mit langsamen, wiegenden und majestätischen Schritten im Dunkel der Nacht.

Zurück in unserem Reihenappartement öffnete ich die hintere Tür, die raus führte zum Busparkplatz. Es war nichts mehr zu sehen von Oskar und nur noch das übliche mehr oder weniger leise Konzert der nächtlichen Kleintierwelt zu hören.

 

30.01.2010 (Samstag) – 13. Tag – Tagesstrecke: Omaruru / Epako Game Lodge – Okahandja – Windhoek – ca. 260 km

Was sich schon am Vorabend im Restaurant gezeigte hatte, wiederholte sich auch an diesem Morgen. Das Restaurantpersonal zeigte sich wenig engagiert. Beim Frühstück um 7 Uhr war nach ein paar Minuten schon kein Saft mehr da und lange musste für Kaffee nachgefragt werden, bis es endlich wieder einen gab. Ein älterer Herr, der in der Küche nicht verärgert, sondern freundlich und mit vorsichtig-leiser Stimme wegen Kaffee fragen wollte, brachte nach dem Anklopfen und Öffnen der Tür nur ein zögerliches "Sorry" heraus. Dann wurde ihm die Küchentür mit einem barschen "No" wieder vor der Nase zugeschlagen. Für so einen schönen Platz war dieser Service leider enttäuschend. Womöglich hatten wir ja auch alle verärgert, weil am Abend vorher nur so wenige das Menü bestellt hatten, nachdem auch hier keine persönliche Essensauswahl und Bestellung angeboten worden war. Dass diese Möglichkeit im Verlauf des Abends dann trotz anfänglichem 'No' urplötzlich doch noch zur Wahl stand, wohl aufgrund der wenigen Menü-Bestellungen, hatte kaum noch jemand registriert.

Ganz schnell war der Service am Frühstückstisch kein Thema mehr, als nämlich Oskar, die Giraffe wieder auftauchte und mit seinem Erscheinen sofort das Interesse der kompletten Reisegruppe auf sich zog. Schlagartig kehrte die gute Laune wieder zurück. Er beziehungsweise sie spazierte im Park vor den Appartements gemütlich von Baum zu Baum, äste, rieb sich den offenbar juckenden Hals am Baumstamm, dessen Wipfel dabei gewaltig hin und her schwankte und schaute gelegentlich fast mitleidig auf uns kleine Menschlein herunter. Offenbar hatte sie auch Spaß daran, sich ab und zu mal mit 2-3 schnelleren Schritten in die Richtung von jemandem zu bewegen, weil dann alle ganz schnell zur Seite sprangen und den Weg frei machten. Bei Oskar fiel mir spontan der Witz wieder ein, als ein Hase eine Giraffe traf und die ihm begann vorzuschwärmen, wie schön es ist, so groß zu sein und so einen langen Hals zu haben: "Schau Hase, im Gegensatz zu dir kann ich hier oben die ganz saftigen und grünen Blätter fressen und muss mich nicht wie du mit dem zufrieden geben, was mir die anderen unten übrig gelassen haben. Dann lasse ich die frischen und so wohlschmeckenden Blätter gaaaanz langsam durch meinen langen Hals rutschen und habe so an meinen Köstlichkeiten im Vergleich zu dir einen hundertfachen und viel viel längeren Genuss, bis sie in meinen Magen gelangen. Und schau, wenn ich mich runter bücke und wie jetzt einen kräftigen Schluck vom frischen Wasser nehme und mich dann wieder gerade hinstelle, dann rinnt das Wasser gaaaanz langsam durch meine Kehle und den langen langen Hals hinunter. Jeder Zentimeter ist ein Genuss, das kannst du dir gar nicht vorstellen." Daraufhin schaute sie der Hase ganz beeindruckt und interessiert an, überlegte kurz und fragte: "Schon mal gekotzt?"

Irgendwie musste ich beim langen Hals von Oskar unwillkürlich an diesen Witz denken und dabei schmunzeln.

Wir starteten um 8:45 Uhr und fuhren zurück nach Omaruru und dann auf die Piste der C36 Richtung Wilhelmstal. Unterwegs war nach circa 30 km rechts am Horizont in den Bergen eine weiße Fläche zu sehen. Hier wird Marmor gefördert. Der Berg rechts daneben erinnerte mit etwas Fantasie an einen weiblichen Busen und wird entsprechend auch Jungfrau genannt, während der Berg links daneben durch sein Aussehen den Namen Sargdeckel trägt. Angeblich wird von beiden Bergen die "Jungfrau" lieber bestiegen ;-).

Kurz bevor wir die B2 erreichten und links Richtung Okahandja abbogen, passierten wir bei voller Fahrt eine ziemlich große Warzenschweinherde hinter dem Absperrzaun, die überhaupt nicht auf den schnell vorbei fahrenden Bus reagierte. Warzenschweine, die wir zuvor auf unserer Reise entdeckt hatten, suchten sofort fluchtartig das Weite, so dass wohl kaum einer in der Gruppe ein brauchbares Foto hatte aufnehmen können. Hier in diesem Moment waren wir viel zu schnell und die meisten im Bus hatten entsprechend die Herde in dem kurzen Augenblick des Vorbeifahrens nicht einmal gesehen.

Die B2 bestand zuerst einmal kilometerweit aus einer Baustelle. Eine Hälfte unserer Fahrspur war Sand, die rechte Hälfte ebenso Asphalt wie die Gegenspur. In regelmäßigen Abständen lag auf der Sandpiste eine Reihe von Steinbrocken quer über die Fahrbahn, und ein Schild mit der Aufschrift "Potholes" wies darauf hin, dass diese Spur nicht befahren werden kann. Wir erfuhren, dass diese Baustelle sich bereits seit mehreren Jahren hinzieht und es nur schleppend mit dem Ausbau voran geht.

Hier, etwa 120 km vor Windhoek, zeugten immer mehr Regenpfützen am Straßenrand, zum Teil 30-40 Meter lang oder breit, von noch nicht allzu lang zurück liegenden ausgiebigen Regenfällen. Da hatten wir scheinbar gestern Riesenglück, als es bei Omaruru auf der Fahrt zu unserer Lodge nur leicht tröpfelte und wie dir Pirschfahrt dann bei einer herrlichen Sonne-Wolken-Stimmung erleben konnten.

Auf halber Strecke nach Okahandja waren immer wieder Paviane zu sehen, die den Straßenrand säumten und teils auf den unmittelbar neben der Fahrbahn stehenden Verkehrsschildern saßen, ohne auch nur mit einem Zucken auf den vorbei brausenden Verkehr zu reagieren.

Unmittelbar vor Okahandja war am rechten Straßenrand eine große, von einem Engländer geführte Holzkohlefabrik zu sehen. Laut Klaus (RL) werden hier per Lastwagen viele abgeholzte Bäume und Sträucher angeliefert und verarbeitet, auch die ungeliebten Hakendorn-Akazien. Am Ortsanfang verließen wir beim Ortsschild die B2 über die Ausfahrt. Nach dem Überqueren der Bahnlinie legten wir direkt dahinter auf einem freien Platz vor dem "Brauhaus" um 10 Uhr eine einstündige Rast ein. Direkt gegenüber liegt der Holzschnitzermarkt, wo schon einige Verkäufer auf ein Geschäft mit uns hofften. Entsprechend versuchten viele von ihnen die vorbei schlendernden Touristen mit einem "Have a look" und mit Armgesten Richtung Eingang zu bewegen, ihren Holzschnitzereien einen Besuch abzustatten in ihrem "Shop" in einem der aneinander gereihten, schmalen, langgezogenen Holzbuden. Vor allem von den älteren Reiseteilnehmern wurden auch ein paar Andenken gekauft, aber schon nach kurzer Zeit waren alle Besucher des Marktes wieder verschwunden – und saßen bei wolkenlosem Himmel und rund 35 Grad fast komplett bei einem kühlen Schluck im Brauhaus.

Währenddessen holten wir uns an einem Automaten vor dem nahe gelegenen Supermarkt noch einmal 1.500 Dollar, nachdem unsere Landeswährungsvorräte morgens bis auf 5 Dollar zusammengeschrumpft waren. Das maestro-Zeichen zeigte uns, dass wir hier mit der ganz normalen Maestro-EC-Karte Geld abheben konnten – ohne das aufwendige Umtausch-Prozedere, das ich in der Bank erlebt hatte. Nun konnten wir uns im Supermarkt wieder mit Getränken und etwas Essen eindecken. Rundum war zu spüren, dass die Mittagszeit nahte. Von etlichen provisorisch am Straßenrand platzierten Grills stieg der Rauch empor und es roch verführerisch nach gegrilltem Fleisch..

Als wir auf der Weiterfahrt Okahandja durchquert hatten, sahen wir am anderen Ortsende erneut einen großen Holzschnitzermarkt am Straßenrand. Nun bogen wir links wieder auf die B1 Richtung Windhoek. Das Grün der Landschaft rechts und links wurde immer satter, zum Teil geschmückt mit großen gelben Blumenwiesen. 30 km vor Windhoek passierten wir das Areal der Okapuka-Luxus-Lodge, das sofort auffällt durch 2 hohe parallel verlaufende Zäune. Ein Österreicher hatte hier laut Klaus (RL) zuerst vergeblich versucht, sich eine Existenz aufzubauen. Daraufhin verließ er Namibia und verdiente im arabischen Raum durch die Reparatur von amerikanischen Maschinen genug Geld, um als reicher Mann zurück zu kommen und die Farm zu kaufen. Heute gilt sie als exklusive Luxusbleibe, auf der unter anderem auch tolle Pirschfahrten angeboten werden.

Der erste spektakuläre Anblick beim Erreichen von Windhoek waren zwei havarierte Züge bzw. Triebfahrzeuge in der Nähe des Bahnhofes. Zuerst wirkte es so, als wären sie auf der eingleisigen Strecke zusammen gestoßen und dabei aus den Schienen geworfen worden. Aber bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass die Frontseiten unbeschädigt waren. Ein Triebfahrzeug lag umgekippt neben Strecke und Bahndamm unten im rötlichen Sand, das andere stand noch mit leichter Seitenlage ein paar Meter versetzt davor. Es hing schräg auf dem Bahndamm mit der Spitze oben an den Schienen und dem rückwärtigen Teil am Fuße des Bahndamms im Sand. Die starken Regenfälle hatten den Bahndamm unterhöhlt und so das Herausspringen der 2 Triebfahrzeuge aus den Gleisen verursacht. Somit bekamen wir keinen einzigen fahrenden Zug zu sehen während der 14 Tage, nur gecrashte ineinander verkeilte Wagons bei Mariental und diese 2 verunglückten Triebwagen, als wir Windhoek erreichten. Dafür erlebten wir unmittelbar darauf in der Nähe der Havarie-Stelle beim Bahnhof ein Stück Eisenbahn-Geschichte. Eine Henschel 5376/1900, die Lok 154 A mit dem Namen "Poor Old Joe" auf der Rauchkammer schmückt hier den Bahnhofs-Vorplatz als Denkmal und Zeuge für die Zeit, als 1902 der Bau der 382 Kilometer langen Bahnlinie zwischen Windhoek und Swakopmund beendet und die Strecke in Betrieb genommen wurde. Die deutsche Eisenbahnbrigade hatte sie als 600mm breite Feldbahn gebaut. Aber bereits 1910 war der Betrieb auf der nun von der Kaiserlich Deutschen Eisenbahn-Verwaltung betriebenen Strecke wieder eingestellt worden, da die bis Karbib teilweise parallel verlaufende Oktavibahn besser ausgebaut war. Als letztes Überbleibsel zeugt bis heute die Lok 154 A vor dem Bahnhof von Windhoek von dieser Eisenbahn-Ära des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika. Im Bahnhof selbst begegnete uns an einer Informationstafel in Form eines großen Plakates und bereit liegender Kondome wieder das auch hier in Namibia sehr akute Problem Aids und die überall propagierte Aids-Vorsorge.

Nun führte uns die Fahrt ins Zentrum von Windhoek, der auf rund 1.700 Meter Meereshöhe gelegenen Hauptstadt Namibias. In der deutschen Kolonialzeit war die offizielle Schreibweise Windhuk, seit 1918 ist es Windhoek. Der Name kommt aus dem Afrikaans und bedeutet so viel wie "Windecke" bzw. "windige Ecke". Dieses Gebiet im Windhoeker Becken war schon vor mehreren Tausend Jahren bewohnt aufgrund der hier vorhandenen heißen Quellen. Der Baubeginn einer Steinfestung, der heutigen "Alten Feste" am 18. Oktober 1890 durch Curt von François gilt heute als Gründungstag der Stadt, die absolut zentral in der Mitte des Landes liegt. Heute leben hier umgeben von Bergketten auf einer Fläche von 645 km² über 300.000 Menschen, 1991 waren es 120.000. Seit 1990, als Windhoek mit der Unabhängigkeit von Südafrika die Hauptstadt der ersten demokratisch gewählten Regierung unter Samuel Nujoma wurde, explodiert die Einwohnerzahl. Die monatliche Durchschnittstemperatur beträgt rund 20 Grad (25,2° Maximum, 14,9° Minimum).

Im Stadtkern ist das Straßenbild Windhoeks bis heute geprägt von wilhelminischer Kolonialarchitektur der Jahrhundertwende um 1900. Ein kleines Wahrzeichen ist die auf einer Anhöhe die Blicke auf sich ziehende 1910 fertig gestellte Lutherische Christuskirche aus rötlichem Quarzsandstein mit von Kaiser Wilhelm II gespendeten und in Nürnberg hergestellten bunten Glasfenstern und einer Orgel aus Ludwigsburg bei Stuttgart.

In unmittelbarer Nähe der Kirche erreichten wir nach einer Stadtrundfahrt, auch durch die ärmeren Gebiete am Rande der Stadt, um 13 Uhr unser Hotel im Zentrum, das "Kalahari Sands Hotel". Klaus holte 3 Stunden später Lilo und mich ab, und wir fuhren in seinem privaten Golf zur Nationalen Rundfunkgesellschaft NBC. Dort erwartete uns Frau Grassmann vom Deutschen Programm und führte uns durch die Redaktions-, Sende- und Archivräume. Beruflich hatte ich vor rund 20 Jahren mit dem Sender zu tun und so war es für mich sehr interessant zu sehen, wie hier heute gearbeitet wird. Das digitale Zeitalter hat auch hier – wenn auch aus finanziellen Gründen sehr begrenzt – Einzug gehalten, während andererseits vieles noch auf der analogen Schiene abläuft. Der Sendebetrieb für die deutschsprachige Hörerschaft im Land wird – im Gegensatz zum großen Redaktionsteam früher – heute nur noch von einer Handvoll Mitarbeitern mit sehr viel Engagement produziert und aufrecht erhalten. Um 17:15 Uhr (16:15 Uhr deutscher Zeit) verabschiedeten wir uns wieder, während für Frau Grassmann nun die Arbeit begann. Denn eine Dreiviertelstunde später klinkte sich der Sender, wie jeden Samstag, an dem die 1. Deutsche Fußball-Bundesliga spielt, pünktlich zur Live-Schlusskonferenz in die Berichterstattung der deutschen Welle ein, damit alle Hörer den Abschluss des Spieltages direkt mit verfolgen können.

Nachdem uns Klaus wieder zum Hotel zurückgefahren hatte, starteten wir um 18:30 Uhr zum von ihm unter anderem erwähnten "Wirtshaus", nur etwa 100 Meter rechts vom Hotel gelegen. Einige Mitreisende von unserer Gruppe kamen uns beim Eingang entgegen. Sie hatten nach kurzer Besichtigung beschlossen, anstelle der hier eher vorherrschenden Biergarten-Atmosphäre mit Bierbänken lieber ins "Gourmet" zu wechseln in Nähe der Ecke Independence Avenue und Poststraße, die von einer Replik eines Uhrturms der ehemaligen Deutschen Afrikabank aus dem Jahr 1908 geziert wird. Also machten wir uns zusammen auf den etwa 300 Meter weiten Weg, der wieder am Hotel vorbei führte. Beim Uhrturm bogen wir links in die Fußgänger-Passage ein und erreichten nach etwa 100 Metern das auf der linken Straßenseite liegende Lokal. Im gemütlichen Restaurantgarten stellte sich meine Entscheidung für ein Straußenfilet, zusammen mit 2 Bier 184 Dollar, als hervorragende Wahl heraus.

Auf dem Rückweg gegen 22 Uhr hörten wir aus dem gegenüber von unserem Hotel gelegenen Park laute Rock-Musik. Wir fragten Jugendliche und erfuhren, dass ein Open-Air-Konzert für die Opfer von Haiti stattfindet. Neugierig stellten wir uns in die kleine Warteschlange am Eingang und wurden wie alle anderen vor uns abgetastet vor dem Einlass. Anschließend mussten wir jedoch schnell feststellen, dass bis zu unserem Eintritt das Höchstalter der versammelten ausschließlich schwarzen Konzertbesucher wohl bei maximal 25-30 Jahren lag und durch uns jetzt abrupt in unglaubliche Höhen katapultiert worden war. Kurz entschlossen verließen wir das Event wieder. 2 Mädchen so um die 20 folgten uns auf unserem Weg durch den Park und sprachen uns kurz darauf an. Hier im direkten Umfeld des Konzertes seien wir zwar aufgrund der präsenten Security soweit sicher, aber wir sollten uns jetzt in der Nacht lieber nicht in abgelegenere Straßen begeben, da wir dort nicht sicher seien. Es gäbe nachts zahlreiche Überfälle. Wir bedankten uns herzlich für den gut gemeinten und hilfreichen Rat. Trotz der beruhigenden Worte des Tierarztes aus Hannover, einem Hünen von 1,96 m: "Keine Angst, ihr habt mich ja als euren beschützenden Elefanten dabei!" waren wir alle froh, nicht mehr weit vom Hoteleingang entfernt zu sein.

Anschließend saßen wir noch kurz in der Hotelbar zusammen. Dann überprüfte ich im Internetraum für 30 Dollar (für 30 Minuten) mit einer für unsere Verhältnisse eher quälend langsamen Internetverbindung noch kurz meine E-Mails auf wichtige Neuigkeiten. Zum Glück war alles im grünen Bereich. Wieder in unserem Zimmer verfolgten wir im Fernsehen noch den 3-Satz-Sieg der Amerikanerin Serena Williams gegen die Belgierin Justine Henin beim Damenfinale der Australien Open. So ging um 23:30 Uhr auch dieser letzte gemütliche Abend in Namibia zu Ende.

 

31.01.2010 (Sonntag) – 14. Tag – Tagesstrecke: Windhoek – Flughafen – Rückflug – ca. 50 km

Zwar mussten wir bis 10 Uhr unsere Zimmer geräumt haben, aber das Hotel stellte 2 Zimmer für das Gepäck der Gruppe zur Verfügung. Bei über 30 Grad besuchten wir um 10 Uhr eine deutschsprachige Messe in der Christuskirche und schlenderten anschließend die ganze Einkaufsmeile entlang und durch die teils bis 12, teils bis 13 Uhr geöffneten Geschäfte. Für den Enkel fanden wir dabei ein paar flotte Sommerhosen und ein T-Shirt mit lustigen landestypischen Tiermotiven. Für den kleinen Hunger zwischendurch wählte Lilo gegen 13 Uhr als einzige Weiße im stark frequentierten "Hungry Lion" noch ein paar Hähnchen-Schenkel. Als wir den Park gegenüber vom Hotel erreichten, wo am Vorabend das Konzert stattgefunden hatte, sprachen uns mehrere Jugendliche in akzentfreiem Deutsch an. Nach etwas Smalltalk, woher wir genau in Deutschland kämen und der Schilderung, dass sie früher in Erfurt gelebt hätten, kamen sie zum eigentlichen Grund für ihr offensichtliches Interesse an uns. Ich bemerkte es an einem verstohlenen Aufblitzen in den Augen. Ob wir schon von der "Ausstellung" gehört hätten. Ich wusste gleich, worum es ging. Denn in der Allgemeinen Zeitung (AZ), der deutschsprachigen Zeitung in Namibia, wird bereits seit Mitte 2009 vor einer Betrügerbande gewarnt, die deutsche Touristen um ihr Geld erleichtert. Sie geben vor, eine Ausstellung über die Geschichte der Ex-DDR-Kinder aus Namibia zu realisieren und bitten dafür um Spenden. Immer wieder würden die Betrüger durch ihre penetrante Art und das Appellieren an Hilfe für den Erhalt dieses deutsch-namibischen Kulturaspektes teils größere Geldspenden kassieren. Wenn jemand versuche, dazwischen zu gehen, würde er aggressiv angepöbelt und verbal bedroht. So wird ein kulturell interessantes Thema mit einer kreativen Masche betrügerisch zu Geld gemacht. Denn die Geschichte der 430 Kinder, die ab 1979 von Namibia in die frühere DDR geschickt wurden, wäre in der Tat eine Ausstellung wert nach dem Motte: "Von der Wüste in den Osten Deutschlands und zurück". Damals kämpfte die SWAPO (South-West Africa People's Organisation) – mittlerweile die Regierungspartei – als namibische Unabhängigkeitsbewegung gegen die südafrikanische Besatzung und das Apartheidregime. Die Kinder im Alter zwischen 3 und 5 Jahren wurden aus Flüchtlingslagern in die DDR in Sicherheit gebracht und wuchsen dort auf. Allein dieser Wechsel war für viele der Kinder schon ein Kulturschock. Der nächste folgte 1990, als – nach der Wiedervereinigung Deutschlands – Namibia seine Unabhängigkeit erreicht hatte. Die Kinder mussten im Alter zwischen 14 und 16 Jahren überstürzt wieder in ihr Herkunftsland zurückreisen. Von den Schwarzen wurden sie nicht mehr voll anerkannt, weil irgendwie auch etwas deutsch, und von den Deutschstämmigen auch nicht, weil obwohl inzwischen auch etwas deutsch, trotzdem immer noch schwarz.

Als ich den Jugendlichen klar machte, dass wir nicht auf Ihre "Ausstellung" herein fallen, verloren sie sofort das Interesse an uns. Und so schlenderten wir weiter bis zum "Wirtshaus", das wir am Vorabend gar nicht betreten hatten, weil wir am Eingang – wie geschildert – eine Kehrtwendung eingelegt und uns mit einigen Mitreisenden für den Besuch des anderen Lokals entschieden hatten. Hier genossen wir am Tresen abschließend für die verbliebenen restlichen Namibia-Dollar noch je ein Bier. Dann war es Zeit, die wenigen Meter zum Hotel zurück zu kehren und aus dem Aufbewahrungszimmer das Gepäck zu holen. Wie vereinbart trafen Klaus und Albert kurz vor 16 Uhr mit dem Bus ein. Auf der Fahrt zum gut 40 Kilometer entfernten Internationalen Flughafen 'Hosea Kutako' machten wir auf halber Strecke noch eine letzte Zwischenstation – bei einem deutschsprachigen Tierpräparator. In seinem großen Betrieb mit über 70 Angestellten demonstrierte uns der Präparator und passionierte Jäger anschaulich den Arbeitsablauf beim Präparieren der Wildtiere. Die Führung begann in einem großen Ausstellungsraum mit diversen ausgestopften Exemplaren. Hier ging der Besitzer auf alle Fragen ein und erzählte uns darüber hinaus einige Anekdoten aus seinem jahrzehntelangen Erfahrungsschatz. Er zeigte uns den gesamten Arbeitsablauf des Präparierens bis hin zum fertigen Springbock, Oryx, Leoparden, Elefanten usw.

Von hier aus waren es nur noch wenige Kilometer bis zum Flughafen, den wir um 18 Uhr erreichten. Albert und Klaus bekamen natürlich auf der Fahrt das zuvor gesammelte Trinkgeld einer Reisegruppe, die sehr zufrieden mit beiden war und sie mit Beifall verabschiedete.

Ein letztes Mal genossen wir nach dem Einchecken des Gepäcks vor dem Terminal den tollen Sonnenuntergang und die warmen Temperaturen. Mit nur 5 Minuten Verspätung starteten wir um 21:50 Uhr mit Air Namibia Richtung Frankfurt. Wieder waren etliche 4er-Sitz-Mittelreihen komplett frei – und Lilo entsprechend sofort in einer heimisch. Auch auf dem Rückflug war das Personal wie schon auf dem Hinflug sehr freundlich und das Essen gut, während der Zustand der Sitze und der Ablagen schon auf ein stark beanspruchtes Dasein hindeutete. Und nicht nur bei Lilo, sondern auch bei anderen längs über die Sitze ausgebreiteten Schlafenden in den Mittelreihen sorgten die immer wieder herunterklappenden Mittelarmlehnen desöfteren für unliebsames Erwachen durch die eine oder andere unfreiwillige "Kopfnuss" oder auch mal einen unerwarteten "Nieren-Schwinger".

 

01.02.2010 (Montag) – 15. Tag – Ankunft in Frankfurt und Rückkehr nach München

Nach einem ruhigen 9 ½-stündigen Flug erreichten wir morgens um 6:15 wieder Frankfurt – bei minus 4 Grad. Im Terminal 2 begegneten wir mehrmals den gleichen Gruppenmitgliedern, die wie wir auch aufgrund von Baustellen und schlechter Beschilderung etwas umher irrten auf der Suche nach der SkyLine-Verbindung. Schließlich wurden wir fündig und gelangten mit der Hochbahn zum Terminal 1. Von dort aus machten wir uns auf den Weg zu den Bahngleisen.

Eine Viertelstunde später traf der ICE nach München ein. Er war proppenvoll, in den Gängen stauten sich Reisende und Gepäck. Nach Ankunft im Frankfurter Hauptbahnhof entspannte sich die Situation schlagartig und wir fanden sogar 2 nicht reservierte Sitzplätze. Beim Blick durch die Fenster mussten wir uns auf der Fahrt erst wieder an die draußen vorbei huschende weiße Schneelandschaft gewöhnen. Nach der Ankunft in München und der Weiterfahrt mit der S-Bahn in unseren Wohnort waren wir froh, dass der Gehweg frei war und wir so problemlos mit unseren Rollkoffern die 10 Minuten Fußweg zu unserem Haus zurück legen konnten. Leicht fröstelnd und vom Mittagsläuten der Kirche begleitet standen wir Punkt 12 Uhr wieder vor unserer Haustür.

Kaum im Haus, spurteten wir beide ohne vorherige Absprache und wie auf ein geheimes Kommando hin zu allen Heizkörpern im Haus und drehten sie VOLL auf. Daraufhin ließen wir alles liegen und stehen und verließen sofort wieder unser "erfrischendes Zuhause", um uns in der nahe gelegenen Dorfwirtschaft beim "Alten Wirt" mit Schweinsbraten und Kartoffelknödel langsam erst mal an das Gefühl zu gewöhnen, dass wir wieder zuhause sind, zurück in Deutschland, zurück in München, zurück in der Kälte – und zurück beim Schweinsbraten, den wir in den 2 Wochen zuvor kein einziges Mal vermisst hatten.

ENDE